Wanderung mit Boris Sieverts auf dem GR 2013 in Marseille und Umgebung

Hafenumbau in Marseille 2002 © Michael Kneffel

Hafenumbau in Marseille 2002 © Michael Kneffel

Nach jahrelangem Umbau stellt die aktuelle europäische Kulturhauptstadt Marseille Provence 2013 ihre neuen Schokoladenseiten heraus: das über dem Alten Hafen gelegene und massiv umgebaute Altstadtquartier Panier, das neue Museum der Mittelmeerzivilisationen MUCEM, das neue Geschäftsviertel Euromediterranée…“Nicht kleckern, sondern klotzen“, lautete in den vergangenen Jahren die Devise der offiziellen Planer. 60 Kultureinrichtungen wurden für insgesamt 660 Millionen Euro um- oder neu gebaut, in Marseille selbst und in rund 80 weiteren Städten und Dörfern der Provence. Das Kulturprogramm für 2013 kostet 98 Millionen und umfasst mehr als 400 Veranstaltungen.

Wenn Boris Sieverts vom Kölner Büro für Städtereisen für den September eine dreitägige Wanderung in Marseille und Umgebung anbietet, darf man sicher sein, dass die Schokoladenseiten der Region und offizielle Programmhöhepunkte keine Rolle spielen werden. In seiner Ankündigung schreibt er:

„Marseille, die „Stadt der 118 Dörfer“ kennzeichnet ein völlig unvermitteltes Nebeneinander von alten Gassen und Großsiedlungen, Boulevard und Brache, Armut, kleinbürgerlicher Idylle und mediterranem Luxus. Ihre starken Kontraste sowie die Lage der Stadt  zwischen der See und einer Felsenarena, von der aus sich fantastische Blicke ergeben, haben in Marseille eine in Europa einmalig lebendige Szene von Stadtwanderern enstehen lassen. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Marseille Provence 2013 haben sie den weltweit ersten urbanen Fernwanderweg geschaffen, den GR2013. Auf 360 km Länge verbindet er die Städte des Großraums Marseille zu einer liegenden 8, an deren Schnittpunkt der TGV-Bahnhof Aix Provence liegt. Das Büro für Städtereisen hat das Glück und die Ehre, im Auftrag von MP2013 eine dreitägige Wanderung auf dem GR2013 anbieten zu können. Die Reise folgt dabei nicht genau dem Verlauf des GR2013, der, als offiziell ausgewiesener Wanderweg, zahlreichen Einschränkungen unterliegt, sondern nimmt die Idee einer großräumigen Stadterkundung auf eigene Weise auf, optimiert, variiert und umspielt sie.“

Im Abwasserkanal an der A 40 © Michael Kneffel

Im Abwasserkanal an der A 40 © Michael Kneffel

Was es bedeutet, wenn Sieverts die Idee einer Stadterkundung „auf eigene Weise“ aufnimmt, optimiert, variiert und umspielt, durfte ich im Jahr 2001 im Ruhrgebiet erleben. Zusammen mit anderen Teilnehmern/-innen der Herbstakademie „Stadtraum B1“ nahm ich an seiner Exkursion entlang der Autobahn A 40 teil. Zwischen Dortmund und Bochum führte uns Sieverts durch einen völlig unbekannten und faszinierenden Stadtraum – über Brachen, durch verwilderte Schrebergärten, über Autobahntankstellen, durch Abwasserrohre, über Mauern und hinter Lärmschutzwände. Mir und den anderen Teilnehmern/-innen wird diese Wanderung immer in Erinnerung bleiben.

Mauerklettern mit Boris Sieverts © Michael Kneffel

Mauerklettern mit Boris Sieverts © Michael Kneffel

Es hat mich nicht im Geringsten überrascht, dass Manuel Andrack, Deutschlands oberster Wanderer, der nur einen Tag lang dem GR 2013 bei Marseille folgte und darüber in DER ZEIT vom 13. Juli berichtete, diese Wanderung als aufregendste seines Lebens bezeichnete.

Mehr als schade, dass ich im September nicht mitwandern kann.

Start: Donnerstag, 12. September, 10.30h, Aix-en-Provence – Gare TGV
Ende: Samstag, 14. September, gegen 20h im Stadtzentrum von Marseille
Mitbringen: Schlafsack, Wanderschuhe, Badesachen, Taschenlampe
Kosten: 200,- Euro alles Inklusive, außer der Anreise

Reservierungen:
Boris Sieverts
Büro für Städtereisen
Schleiermacherstraße 8
51063 Köln
borissieverts@gmx.de
tel. 01714160572

Die Küste der Picardie 3 – entlang der Steilküste von Mers-les-Bain nach Bois-de-Cise

das Meer bei Mers-les-Bains im Winter (c) Michael Kneffel

Es ist kalt. Es ist  windig. Und es ist wunderbar. Wir stehen Ende Dezember hoch über dem Meer und schauen in ein konturloses Grau-Türkis, zu dem sich Wolken und Wasser verbunden haben. Nicht auszuschließen, dass wir in den nächsten Stunden noch Regen abbekommen werden. Aber egal. Eine der schönsten Unternehmungen an der Küste der Picardie und ein absolutes Muss bei jedem unserer Besuche ist die Wanderung von Mers-les-Bains nach Bois-de-Cise. Bei fast jedem Wetter.

Für die knapp vier Kilometer sollte man viel Zeit einplanen, zum einen wegen etlicher Höhenmeter, die zu überwinden sind, mitunter auf ziemlich steilen Wiesen, zum anderen wegen der grandiosen Aussicht, die einen immer wieder anhalten und einfach nur schauen lässt.

Steilküste zwischen Mers-les-Bains und Bois-de-Cise (c) Michael Kneffel

Beginnend an der Statue „Notre Dame de la Falaise“, die hoch oberhalb von Mers-les-Bains steht, führt ein spektakulärer Fußweg immer am Rand der Klippen entlang nach Bois-de-Cise.

Nur wenige Meter neben dem Fußweg geht es an manchen Stellen bis zu 100 Meter senkrecht abwärts. In den Kreidefelsen leben jede Menge Seevögel, die sich hier gut beobachten lassen und ihrerseits auch gern ein Auge auf die Wanderer werfen. Das Meer unterhalb der Felsen leuchtet vom ständig abbröckelnden und sich auflösenden hellen Kalkstein in einem fast unwirklich schönen Blau-Grün. Auf der anderen Seite des Weges erstrecken sich im Sommer anfangs große Getreidefelder, später satte grüne Weiden. Ab und zu muss ein Zaun an vorbereiteten Über- oder Durchgängen überwunden werden, und gelegentlich muss man eine Herde gutmütiger Rindviecher entweder durchqueren oder weitläufig umgehen – je nach Mentalität und Mut.

Villen in Bois-de-Cise (c) Michael Kneffel

Bois-de-Cise wurde ebenso wie Mers-les-Bains auf dem Reißbrett als Sommerfrische geplant und ab 1898 in relativ kurzer Zeit in einem bewaldeten, langen Tal erbaut, das sich zum Meer öffnet. Bis heute ist Bois-de-Cise eher eine Feriensiedlung, bestehend aus repräsentativen Belle-Époque-Villen, als ein lebendiger Ort mit entsprechender Infrastruktur. Außerhalb der Hauptsaison begegnet man hier nur wenigen Menschen, und es empfiehlt sich, ausreichend Verpflegung und Wasser für die Wanderung einzupacken. In den Hauptferienmonaten hat dagegen auch das Restaurant des Ortes geöffnet und gelegentlich findet ein Flohmarkt oder ein kleines Fest im Freien statt.

(Fortsetzung folgt.)

Die Küste der Picardie 2 – die bunten Häuser von Mers-les-Bains

Wenn sich im Sommer halb Paris auf den Weg in die Ferien macht, zieht es auch heute noch viele der Großstädter an die Küste des Ärmelkanals. Seinen Anfang nahm der Drang zum Meer vor gut zweihundert Jahren. Bis dahin wäre kaum ein Mensch auf die Idee gekommen, freiwillig ins Meer zu steigen. Selbst die Fischer an den Küsten waren Nichtschwimmer, und nichts war ihnen fremder als die Vorstellung, im Meer zu baden. Es waren die Bewohner der großen Städte und die Angehörigen der wohlhabenden Schichten, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die See und das Baden zu begeistern begannen. Neue Eisenbahnlinien an die Küste beförderten diese Entwicklung ungemein. Der Urlaub an der See sollte ein einziges buntes und fröhliches Fest werden. Diesen Anspruch sieht man vielen Villen an der Küste der Picardie noch heute an.

Villen in Mers-les-Bains (c) Michael Kneffel

Vor über zwanzig Jahren hat uns der Charme der nordfranzösischen Küste und seiner Bewohner schon einmal gefangen genommen. Auf der Anreise zu einer Normandie-Fahrradtour machten wir bei scheußlichem Regenwetter nahe Wissant im Département Pas-de-Calais Station, in einem Gästehaus, das von einer älteren Dame geführt wurde. Vor dem strammen Seewind geschützt lag das alte Anwesen, völlig von Rosenhecken umgeben, in einer Mulde nahe der Steilküste. Unser stilvoll eingerichtetes Gästezimmer besaß eine erlesene Handbibliothek zum Thema Zen-Buddhismus, der Frühstückskaffee wurde in silbernen Kännchen serviert, und am Abend saßen alle Gäste des Hauses im Salon am Kamin zusammen, wo die Gastgeberin unaufdringlich und gekonnt die zusammengewürfelten Durchreisenden miteinander ins Gespräch brachte. Den Aufenthalt in diesem Haus „bei Madame“ haben wir nie vergessen, und trotzdem dauerte es sehr lange, bis wir wieder in den äußersten Norden Frankreichs zurückkehrten. Auslöser hierfür war die „Europäische Kulturhauptstadt“ Lille im Jahre 2004.

frisch restaurierte Keramik an der Villa Pomone in Mers-les-Bains (c) Michael Kneffel

Begeistert von der lebendigen Stadt mit ihrer alten Bebauung und der jungen Bevölkerung hatten wir Lille in jenem Jahr schon drei Mal besucht. Beim vierten Besuch waren wir auch neugierig auf das Umland und die relativ nahe Küste. So kamen wir über Arras und Amiens schließlich nach Mers-les-Bains am äußersten Südzipfel der picardischen Küste. Fasziniert und erschrocken zugleich liefen wir durch den alten Badeort. Fasziniert wegen der vielen bunten Häuser mit verspielten Fassaden an der Strandpromenade und erschrocken wegen des völlig maroden Zustands ganzer Straßenzüge in der zweiten Reihe. Wind und Salz nagen hier beständig an den Fassaden. Wenn die Anstriche nicht regelmäßig erneuert werden, beginnt sehr schnell der Verfall. Heute sind die meisten Häuser in Mers-les-Bains wieder renoviert und bewohnt. Der Ort erstrahlt in neuem Glanz und zieht viele französische Sommergäste an.

Villen in Mers-les-Bains (c) Michael Kneffel

Nähert man sich dem Ort mit dem Auto von Osten, vorbei an Kleinindustrie und Gewerbeansiedlungen, ahnt man auch nicht ansatzweise, welche architektonischen Schätze Mers-les-Bains in Strandnähe bietet. Nach der Fertigstellung der Eisenbahnlinie von Paris zum Nachbarort Le Tréport im Jahre 1873, wurde der Badeort in den Jahrzehnten der Belle Époque sehr systematisch auf der grünen Wiese errichtet. Wunderschöne Villen säumten bald die Promenade und die auf sie hinführenden Straßenzüge. Feriendomizile im anglo-normannischen, maurischen, flämischen und picardischen Stil schossen bis zur Jahrhundertwende aus dem Boden. Dazu kamen Häuser in Stilrichtungen, die mit den Namen der Regenten Louis XIII und Napoléon III verbunden werden, später dann Villen im typischen Stil der 30er Jahre. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch das große Hotel Bellevue an der Promenade gebaut, dessen Café und Restaurant sehr als Ausgangangs- oder Endpunkte für Streifzüge durch den Ort zu empfehlen sind.

(Fortsetzung folgt.)

Die Küste der Picardie – eine Küste für Entdecker

Steilküste bei Mers-les-Bains (c) Michael Kneffel

Auf dem Weg zur Küste der Picardie im Frühjahr: Dicke weiße Wolken mit grauen Bäuchen vor einem hohen blauen Himmel, darunter eine weite, sanft gewellte Landschaft mit blühenden Rapsfeldern. Ein Bauer betrachtet versunken ein Fahrrad, das an einer Hauswand lehnt. Eine alte Frau schneidet Löwenzahn am Straßenrand. Mehr scheint mittags nicht los zu sein in der Picardie. Eine Landschaft wie im Dornröschenschlaf. Orte, die in kaum einem Reiseführer vorkommen. Weite, Stille, Unaufgeregtheit. Schon bevor wir das Meer sehen, stellt sich Entspannung ein.

In den letzten Jahren hat sich die Küste der Picardie zu einem unserer Lieblingsreiseziele in Frankreich entwickelt. 500 Km, keine ganze Tagesreise, trennen den 70 Kilometer langen Küstenstreifen am Ärmelkanal vom Ruhrgebiet. Zwischen den Badeorten Mers-les Bains und Fort-Mahon-Plage gibt es Landschaften zu entdecken, die unterschiedlicher kaum sein können: eine Steilküste mit imposanten Kreideklippen im Süden, scheinbar endlose Sandstrände hinter weitläufigen Dünen im Norden und dazwischen die Bucht der Somme, eine der schönsten Buchten der Welt, wie enthusiastische Zeitgenossen vor Ort behaupten.

in der Bucht der Somme (c) Michael Kneffel

In diesem Landstrich, um den die großen Touristenströme aus Deutschland und den Beneluxländern einen Bogen machen, hat sich vieles von dem gehalten, was wir an Frankreich lieben und was in anderen französischen Regionen mehr und mehr verschwindet: authentisches Alltagsleben anstelle einer folkloristischen Kulisse für wenige Urlaubswochen, unverbrauchte Landschaften anstelle von touristischen „Hotspots“, die von wuchernden Gewerbegebieten eingekreist werden und im Verkehr ersticken, unaufdringliche Herzlichkeit anstelle von professioneller Freundlichkeit, die vor allem auf die Portemonnaies der Gäste zielt. Wer das „alte“, „typische“ Frankreich sucht, wird heute im hohen Norden leichter fündig als in den beliebten Feriengebieten im Süden und kann hier viele positive Überraschungen erleben.

(Fortsetzung folgt.)

weiter Strand bei Quend-Plage-les-Pins (c) Michael Kneffel