Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 3

03. Tag, Dienstag, 10.05.2011, Eijsden – Sclayn (B), 89,3 km, 9:00-17:00 Uhr

Am Morgen ist das Außenzelt von beiden Seiten nass. Ich lasse mir also mit dem Abbau Zeit, muss das Zelt aber trotzdem reichlich feucht einpacken und sitze kurz nach 9:00 mit zwei Rosinenbrötchen vom Vortag im Magen wieder auf dem Rad. Der Himmel ist grau, es sieht nach Regen aus, und mir ist ganz schön frisch. Es folgen einige schöne Km entlang der Maas auf dem Knotenpunktradweg durch den schönen Ortskern von Eijsden mit einer sehr französisch wirkenden „Brasserie La Meuse“ bis zur belgischen Grenze. Belgien ist hier sofort sehr belgisch. Ansatzlos geht das reich und proper wirkende niederländische Limburg an der Grenze bei Visé in die arm und schmuddelig erscheinende Wallonie über. Zwei völlig unterschiedliche Welten. Faszinierend.

Ich überquere die Maas, bin kurz irritiert durch die veränderten Benennungen der Knotenpunkte (aus niederländisch 12 wird belgisch 412) und frage mich noch, wie lange mein Rad und ich wohl solche Schlaglochpisten aushalten werden, als ich in Haccourt auch schon den breiten und komfortablen Radweg auf dem Westufer des Kanals erreiche, der die Maas begleitet. Auf ihm komme ich flott voran, fahre fast im selben Tempo wie die großen Lastkähne, passiere verschiedene Industriebetriebe und erreiche nach 25 Km Liège. Unterwegs geht das Knotenpunktsystem verloren und der Radweg heißt Ravel 1. Aber das erfahre ich erst später.

In Liège muss ich das Ufer wechseln. Kein Problem, alles bestens beschildert. Im Stadtgebiet verlieren sich dann allerdings die Schilder, ersatzweise orientiere ich mich an den Symbolen des Pilgerwegs nach Santiago de Compostella, merke aber nach einer Weile, dass ich mich gar nicht mehr an der Maas befinde, sondern am Ostufer der Ourthe, die sich im Stadtzentrum mit der Maas vereinigt, und dass ich auf diese Weise viel zu sehr nach Süden von meinem Kurs abkomme. Ich muss zurück, schiebe mein Rad über Kreuzungen mit abartig hohen Bordsteinen, quere zu Fuß eine vierspurige Hauptstraße. Uferwege sind weit und breit keine mehr zu entdecken. Komme an etlichen Industriegebieten vorbei, überquere auf einer autobahnähnlichen Straße die Maas und bin froh, nach etlichen ziemlich scheußlichen Km endlich nach Jemeppe zu gelangen. Dort herrscht gerade Markt im Zentrum, und ich beschließe auf der Terasse enes kleinen Restaurants, das ausnahmsweise nicht mit Pizza, Panini oder Döner wirbt, zu essen, Salat, Spiegeleier, die seltsamerweise „Pferdeeier“ heißen, und die unvermeidlichen Fritten. Inzwischen ist es wieder sommerlich warm. Plaudere mit zwei älteren Damen an den Nebentischen und erfahre, dass es ab Jemalle, dem nächsten Ort, wieder einen Uferradweg geben soll. Mein Versuch, in einem Supermarkt eine Detailkarte der Gegend zu erstehen, bleibt erfolglos. Immerhin erhalte ich den Hinweis auf einen Campingplatz in Bas-Oha. Den Uferradweg finde ich allerdings nicht. Jeder Versuch, wieder an´s Ufer zu gelangen endet im Niemandsland zwischen der Maas und den Verladeanlagen von Industriebetrieben oder in Gestrüpp und Morast. Einmal mehr bewundere ich mein altes Rad dafür, was es alles wegsteckt. Schließlich gehe ich auf die N 617 und komme über Amay bis Huy, das von einem AKW dominiert wird. Sehr gemütlich.

Seit der niederländischen Grenze habe ich so ziemlich alles an Industrie erlebt, was man sich vorstellen kann. In dieser Region wird wirklich noch produziert und malocht wie im Ruhrgebiet vor 20 und mehr Jahren. Ich habe eine Menge Staub geschluckt und kann manchmal den Dreck zwischen den Zähnen und in den Augen spüren.

Hinter Huy wird es allmählich wieder etwas ländlicher. Der angepeilte Campingplatz in Bas-Oha erweist sich leider als so trostlos und dreckig, dass ich schleunigst weiter fahre bis Andenne. Im Touristenbüro des lebhaften Städtchens frage ich nach Campingplätzen und bekomme zu hören, dass ich dafür weit zurück fahren müsste, am besten nach Bas-Oha. Darauf kann ich gut verzichten. Auf die Frage nach einem Chambre d´Hotes, einem Gästezimmer bei privaten Vermietern, telefonieren die beiden Damen des Büros etwas herum und geben mir schließlich die Adresse von „L´Écluse“ im kleinen Sclay, wenige Km maasabwärts, direkt am Ufer. Das Haus mit der Fassade einer alten Kneipe liegt tatsächlich sehr schön. Empfangen werde ich von der Tochter des Hauses, später kommen die Eltern, die mich zum Bier einladen, und wir plaudern sehr nett über deren Radreise vor zwei Jahren auf dem Pilgerweg nach Tours und über meine Planung und Route. Das Zimmer erweist sich als ganzes Dachgeschoss mit großem Bad und Klimaanlage, die ich bald abschalte, um nicht einzufrieren. Beim Duschen stelle ich fest, dass mein Hinterteil gelitten hat. Ich verarzte mich mit Hirschtalg-Fußcreme von DM. Was für die Füße gut ist, kann dem Hintern nicht schaden.

Das Restaurant des Ortes ist so fürchterlich auf modern und „cool“ getrimmt, dass ich sofort wieder abdrehe. Die Fritterie des Ortes finde ich allerdings mal wieder nicht und gehe schließlich nach einem Apfel aus den Vorräten meiner Gastgeber in´s Bett. Auf dem Treppengeländer finde ich getrocknet und zusammengelegt meine Radkleidung, die ich nach der Ankunft gewaschen und in den Garten gehängt hatte.

Für die Übernachtung und das reichhaltige Frühstück zahle ich am nächsten Morgen 40 Euro.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 2

2. Tag, Montag, 09.05.2011, Reuver – Eijsden, 95,3 km, 9:00-17:00 Uhr

Ich stehe kurz vor 8:00 Uhr auf und bin um 9:00 Uhr startklar. Die Nacht war kurz und laut. Am Vorabend haben meine Nachbarn noch lange munter miteinander geplaudert, am frühen Morgen machen zwei Tauben direkt über mir ordentlich Radau, aber der Clou ist ein campingplatzeigener Pfau der x-Mal in der Nacht auf andere Geräusche reagiert und aus voller Kehle sein Warn-Geschrei anstimmt. Fühle mich trotzdem fit und fahre ohne Frühstück los. Weit und breit kein Café, keine Einkaufsmöglichkeit.

Anfangs versuche ich es mehrfach mit den Knotenpunkt-Radwegen entlang der Grenze Richtung Süden, gerate dabei aber immer wieder auf schotterige oder sandige Wald- und Feldwege, für die mein Rad zu schwer und seine Reifen zu schmal sind. Schließlich wechsle ich auf die breite Landstraße und erreiche Roermond, als die ersten Cafés gerade öffnen. Freue mich auf ein gutes Frühstück, bekomme aber in einem eigentlich ganz gut aussehenden Café am Hauptplatz der Stadt zum Kaffee tatsächlich nur Panini und Pizza angeboten. Am frühen Vormittag! Bin ziemlich konsterniert. Arme Niederlande! Was gab es hier in meiner Jugend überall für leckere Sachen zum Frühstück. Offene Bäckereien finde ich auch nicht. Dafür erstehe ich im benachbarten Touristenbüro VVV endlich eine ANWB Fietskaart, auf der die Radwege und Knotenpunkte entlang der Maas bis zur belgischen Grenze verzeichnet sind. Frage trotzdem nach Fernradwegen und bekomme die Empfehlung, dem LF3 auf der anderen Maasseite zu folgen. Die Maas in Roermond ist ziemlich breit, der Wind auf der Brücke heftig, so dass es eine Weile dauert, bis der Radweg in Sicht kommt bzw. die Großbaustelle, als die sich der Radweg dann erweist, völlig eingezäunt und unbefahrbar. Das Kartenstudium ergibt, ich muss wieder zurück in die Stadt und auf die andere Seite der Maas. Die Erfahrung, dass die Mitarbeiterinnen von Touristenbüros selbst in Hochburgen des Radtourismus (wie z.B. an der Loire) offensichtlich selbst nicht mit dem Rad fahren und keine Kenntnis von den Gegebenheiten in ihrer Region haben, werde ich noch einige Male machen.

Nach einem weiteren Versuch mit einem durch den Ort mäandrierenden Radweg gebe ich auf und fahre auf der Hauptstraße Richtung Sittard weiter. Mein „Frühstück“ nehme ich dann gegen Mittag an einer Tankstelle. Ausgerechnet! Käsebrötchen und zwei Bananen-Maracuja-Drinks. Sittard erweist sich als ebenso malerisch wie Roermond. Ich fahre langsam durch den Stadtkern, komme bei der Ausfahrt zu weit nach Osten ab, frage mich durch und treffe schließlich wieder auf die Straße nach Maastricht, meinem nächsten Etappenort. Um 15:00 Uhr beginnt es, für kurze Zeit heftig zu regnen, und ich fahre einige Km in voller Regenmontur: Regenjacke, -hose, -gamaschen und Helmüberzug.

Am Nordrand von Maastricht entscheide ich mich wieder für einen der ausgeschilderten Radwege und lerne prachtvolle Herrenhäuser in eindrucksvollen Parkanlagen kennen. Die Innenstadt durchquere ich schnell auf dem östlichen Maasufer, um zu dem Campingplatz am Südrand der Stadt zu gelangen, den ich auf der Karte entdeckt habe. Er gehört schon zur Gemeinde Eijsden, ist sehr nett und bietet einen schönen Blick auf den Fluss und die Hügel auf dem anderen Ufer. Die Übernachtung kostet 7,50 Euro plus 50 Cent für die Dusche. Ich baue bei leichtem Regen mein Zelt auf, wasche Hemd, Unterhemd und die Radhose, finde eine alte Wäscheschleuder und klammere meine Sachen zum weiteren Trocknen außen am Zelt fest. Nach dem Duschen mache ich mich auf die Suche nach Nahrung. Im Nachbarort soll es trotz des Montagabends eine offene Pizzeria und eine Art Imbiss geben. Ich fahre einige Kilometer, suche intensiv, finde aber nichts. Schließlich kaufe ich im winzigen Campingplatzladen auf, was einigermaßen nahrhaft aussieht, und mache mir Käsebrote. Dazu gibt´s Fruchtjoghurts und Bier aus der Dose. Zum Glück gibt es auf diesem Platz zwei Picknick-Plätze, stabile Tische und Bänke, so dass ich nicht auf dem Boden sitzen muss. Nur wenige Plätze bieten Fahrradtouristen und Wanderern diesen Komfort, wie ich in den folgen Tagen feststellen werde.

Der Abend ist deutlich kühler als der Vorabend. Im Laufe des Tages hat meine rechte Wade gemuckt. Am Abend fühlt sich die ganze Kniekehle etwas verhärtet an. In der Nacht wird es mir ganz schön kühl in meinem alten Daunenschlafsack.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 1

1. Tag, Sonntag, 08.05.2011, Essen – Reuver (NL), 90,5 km,9:00-16:30 Uhr

Es ist sommerlich. Regine hilft mir, das Rad zu bepacken, dann geht es gegen 9:00 Uhr los. Zwei Straßenecken weiter merke ich, dass der Radcomputer noch gar nicht angebracht ist, stelle alle Werte auf Null und starte nun richtig. Früher habe ich Radcomputer immer für überflüssig gehalten, aber für so eine lange Tour habe ich mir doch einen von Tchibo zugelegt, um unterwegs ein paar objektive Daten zu erhalten. Durch Holsterhausen bis zur Wickenburg, von dort auf dem Radweg unterhalb der Margarethenhöhe bis MH. Durch MH und DU komme ich besser als gedacht. Hauptfeind in DU die Straßenbahnschienen. Heikel mit dem schweren Rad auf dem schmalen Streifen zwischen Schiene und Bordsteinkante zu balancieren. Fahre schließlich in der Schienenmitte. Radwege nur abschnittsweise. Schöne Sonntagmorgenstimmung. Typisches Ruhrgebiet. Jungen spielen auf Brache. Schon viel los vor dem Zoo. Orientiere mich mit Hilfe der Kartenfunktion im iPhone (Fußgängermodus). Besser als alle Routenplaner im Internet. Werde im Hafen von DU am Kreisverkehr fast angefahren. In Rheinnähe viele Menschen, ein Volksfest auf den Rheinwiesen kündigt sich an. Nach 25 Km fahre ich über die Rheinbrücke. Lange tuckert und stinkt ein Traktor mit leerem Anhänger für bestimmt 20 Mitfahrer neben mir her.

Durch Moers geht es über Neukirchen und Vluyn immer nach Westen. Komme durch Ort mit Straßenfest und Straßensperrung. Fahre Landstraße. Erste Pause nach 40 km und 3 Stunden an der Kirche von Schaephuysen. Esse meine Brötchen. Weiter geht´s über Aldekerk, Wachtendonk, Wankum und Herongen. Es läuft alles sehr gut. Habe meine ideale Trittfrequenz gefunden, komme schneller voran als gedacht, genieße die Bewegung und freue mich, wie leicht mir das Radeln fällt. Um 15:00 Uhr erreiche ich die Stadtgrenze von Venlo und bewundere die properen Villen am Stadtrand. Im Ort viele Radfahrer, aber kaum Schilder. Frage Mann auf Rad nach dem Weg ins Zentrum, nach Campingplatz und komme etwas ins Plaudern. Er empfiehlt mir einen Platz in Baarlo, ca. 10 km südlich von Venlo. Suche etwas nach der richtigen Ausfahrt aus der Stadt, erreiche die Maas und fahre am rechten / östlichen Ufer nach Süden. Merke zu spät, dass Baarlo auf der anderen Seite der Maas liegt. Habe von dieser Gegend noch keine Karten, weil ich mich auf die legendär guten Radwegebeschilderungen verlasse.

Auf meiner Seite sehe ich dann zum Glück ein Hinweisschild auf einen Campinplatz, das mich im rechten Winkel 2-3 km nach Osten vom Ufer weg führt. Frage unterwegs nach, weil keine Schilder mehr kommen. Lande gegen 16:30 auf dem Camping Natuur Plezier in Reuver, wo ich von der freundlichen Astrid nach kurzer Wartezeit empfangen werde. Für die Übernachtung zahle ich 7,90 Euro. Netter kleiner Platz mit einigen Dauercampern und Wohnmobiltouristen. Baue Zelt auf, leider in der Sonne. Drinnen ist es unerträglich warm. Die Dusche ist eine Riesenwonne. Nach dem Umziehen gehe ich im Ausflugslokal nebenan zwei große Alster trinken und esse ein Lachsbaguette. Gut besucht. Viele Wochenendtouristen, etliche davon mit Rädern. Sehe mehrere Elektro-Fahrräder. Viele Stammgäste. Man kennt sich. Die Grenze ist in Sichtweite. Niederländisch, Deutsch und Platt gehen mühelos durcheinander.

Mit dem letzten Tageslicht krieche ich in mein Zelt und mache ich mich für die Nacht zurecht. Eine meiner Motivationen für die Tour bestand darin, nach 21 Jahren mal wieder im Zelt zu leben. Anders als Regine verbinde ich damit positive Erinnerungen. In meiner ersten Nacht frage ich mich bereits, woher die stammen. Das Leben auf allen Vieren kommt mir recht mühsam vor. Obwohl ich ein 2-3 Personen-Zelt gekauft habe, Salewa Denali III, das mir beim Probeaufbau zu Hause noch reichlich überdimensioniert vorkam, finde ich es in meinem Kunststoff-Iglu eher eng. Vier Packtaschen, eine Lenkertasche und ein Haufen Kleinkram wollen neben einer Iso-Matte und Schlafsack untergebracht sein. Zu zweit würde ich in diesem Zelt nur im äußersten Notfall übernachten wollen. Nachts rutsche ich ständig von meiner 50 cm breiten Thermarest-Matte. Im Schlafsack komme ich mir vor wie eine ägyptische Mumie, kann mich kaum bewegen oder auf die Seite drehen.

Am Vormittag war das Fahren am schönsten. Alles noch ruhig und mild. Gute Luft. Mittags kommen mit der Hitze (ca. 25 Grad) der Wind und der Staub. Ich genieße, wie sich am Niederrhein die Landschaft weitet und höre den ersten Kuckuck rufen. Sein Ruf begleitet mich bis weit nach Frankreich hinein. Alles satt grün. Leider auch viel Ausflugsverkehr auf der Straße.

Die Strecke war sehr flach. Minimale Steigungen in MH. Statt der geplanten 50 km bin ich am Ende mit einigen Umwegen 90,5 km gefahren. Unterwegs wäre aber auch nicht viel gewesen, wo ich hätte übernachten wollen oder können.

Ich lerne, dass das berühmte Knotenpunktsystem der Radwege an der Maas mir ohne Karte wenig hilft. Zwar gibt es ab und zu Übersichtstafeln und man kann sich dort die nächsten Punkte merken oder notieren, die man ansteuern möchte (z.B. 17-18-33-34-51). Mir wäre für die Orientierung wesentlich lieber, wenn auf den Markierungen nicht nur Nummern, sondern auch Ortsnamen stünden. Die Radwege bedienen vor allem regionale touristische Interessen und sind nicht unbedingt für Tourenradler angelegt.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 5 – Und wie komme ich zurück?

Bisher habe ich gedacht, die Herausforderung würde darin bestehen, auf dem Fahrrad von Essen nach Südfrankreich zu fahren. Weit gefehlt! Glücklich in St. Jean de Buèges angekommen fängt das Abenteuer erst an. Zumindest, wenn man mit der Bahn zurückreisen möchte. Nach mehreren Abenden Internetrecherche weiß ich nun: Theoretisch kann man mit dem TGV von Montpellier nach Brüssel, Straßburg oder Luxemburg fahren und dabei das Fahrrad mitnehmen. Das Internetbuchungssystem der französischen Bahn SNCF bietet das jedenfalls an. Fragt man allerdings telefonisch nach, sieht alle ganz anders aus. Fahrradmitnahme nach Brüssel? „Völlig unmöglich!“ Mitnahme in den Nachtzügen nach Straßburg und / oder Luxemburg? “ Die Züge sind gar nicht im System!“ Wegen großer Baumaßnahmen auf der Strecke weiß im Mai tatsächlich noch niemand, ob im Juni überhaupt Nachtzüge verkehren werden. „Und Fahrräder werden sowieso nicht transportiert. Wie kommen Sie denn auf so was?“ Von Brüssel nach Essen mit dem Zug? „Nur ohne Rad!“ Oder mit Regionalzügen und zig Umstiegen. Dauer: Zwischen 6 und 8 Stunden. Von Straßburg nach Essen? „Im Moment ist noch ein Platz für ein Fahrrad frei. Sie müssen aber in Basel umsteigen.“ ??? Wenn ich weitere vier Wochen Zeit hätte, würde ich am liebsten auch wieder auf dem Rad zurückfahren.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 2 – Radrennen, Radpilgern oder Radwandern? Und wie komme ich an gute Karten?

Das Thema „Mit dem Rad durch Frankreich“ scheint in der Luft zu liegen und viele Menschen zu faszinieren. Fast alle, mit denen ich seit Ende März über mein Vorhaben geredet habe, bekamen leuchtende oder sehnsuchtsvolle Augen und beteuerten, dass sie am liebsten mitfahren würden. Stephan Hermsen, Redakteur der NRZ berichtete in der gestrigen Ausgabe über seine Radtour vom Niederrhein nach Paris in vier Tagen http://www.derwesten.de/leben/reise/Mit-dem-Fahrrad-in-vier-Tagen-aus-dem-Ruhrgebiet-nach-Paris-id4567681.html. Auch er nutzte am Anfang die schönen Radwege entlang der Maas in den Niederlanden und in Belgien, folgte dem Fluß dann aber bis weit nach Frankreich hinein und kam auf diesem Weg arg in die Berge der Ardennen und der Champagne. Mit Tagesetappen von bis zu 192 Km erinnert mich seine Tour eher an ein Radrennen als an eine Radreise oder Radwanderung, wie sie mir vorschwebt.

Am Anfang meiner Suche nach einer geeigneten Route, bekam ich aus dem Freundeskreis den Hinweis auf auf eine Bocholter Gruppe, die 2008 mit dem Rad nach Santiago de Compostela gepilgert ist http://www.jakobsweg.kilu.de/html/. Um dieser Planung zu folgen, muß man aber sehr fit sein und einen gewissen Hang zur Selbstkasteiung besitzen, wie er Pilgern ja möglicherweise eigen ist. Die Tagesetappen waren zwischen 120 und 170 Km lang und führten munter alle möglichen Berge hinauf, in tiefe Flußtäler hinunter und auf der anderen Seite gnadenlos wieder bergauf. Nichts für mich! Ich bin zur Zeit noch nicht besonders in Form und möchte die Fahrt gerade auch dazu nutzen, meine Kondition allmählich wieder aufzubauen. Also brauche ich einen anderen Plan.

Seit Jahren schon geht mir die Idee durch den Kopf, für eine längere Radtour in Frankreich die Treidelpfade an den vielen Kanälen zu nutzen, die das Land durchziehen und auch durch bergige Regionen führen. Auf früheren Fahrten bin ich immer wieder mal mit solchen Kanälen in Berührung gekomme, habe das entspannte Radeln auf den ebenen Strecken sehr genossen. Nur an den Schleusen müssen auf kurzen Rampen einige Höhenmeter genommen werden, danach geht es dann wieder kilometerlang nahezu mühelos weiter. Irgendwann Anfang der 90er Jahre habe ich dann schon mal eine Karte der französichen Schifffahrtswege im Maßstab 1/1.428.000 von 1987 erstanden, die „Carte Vagnon No. 1 – Carte de France des voies navigables“, die seitdem in einer Schublade schlummerte. Mit ihrer Hilfe habe ich die grobe Routenplanung vorgenommen, über die ich vorgestern berichtet habe. Die weitergehenden Fragen lauten nun, gibt es an den verzeichneten Flüssen und Kanälen auch tatsächlich befahrbare Treidelpfade oder sogar ausgebaute Radwege, in welchen  Karten sind sie verzeichnet und wie komme ich an diese Karten?

Normalerweise kann man in Frankreich hervorragend nach den gelben Michelin-Straßenkarten im Maßstab 1/200.000 Rad fahren, wenn man die rot markierten Hauptstrassen meidet, die gelb markierten auch nur selten benutzt und sich vor allem an die weiß markierten Nebenstrecken hält. Nur die Radwege, die in den letzten Jahren in großer Zahl entstanden sind und auf alten Bahntrassen oder eben an Kanälen und Flußufern abseits des Autoverkehrs durch die Regionen führen, sind dort nicht abgebildet.

Auf der französichen Internetseite http://www.af3v.org werden unter dem Titel Les Véloroutes et Voies Vertes de France  einige dieser „voies vertes“ ( „grüne Wege“) gezeigt. Dort findet sich auch der Hinweis auf den geplanten transeuropäischen Radweg EV3, den „Pilgerweg Trondheim – Santiago de Compostela“, der in seinem französichen Teil ziemlich genau meiner groben Routenplanung entsprechen und einige „voies vertes“ nutzen wird. Leider werden auf dieser Seite nur ganz wenige Teilstücke im Detail beschrieben. Aber immerhin. Besser als nichts!

Wählt man auf Google Earth die Einstellung „Maps“, sieht man dort auch die Leinpfade, die als „Chemin de Halage“ bezeichnet werden. Für die Vorbereitung kann das noch hilfreich sein. Später auf dem Rad nützt mir Google Earth leider herzlich wenig. Ich müßte schon ein iPad dabei haben und dafür einen Vertrag mit einer französischen Telefongesellschaft abschließen.

Nach den Feiertagen werde ich im Buchhandel mal nach französischen IGN-Radwanderkarten fahnden, die es zumindest für einige ausgesuchte Regionen geben soll.  Im Moment sieht es so aus, als könnte die Feinplanung meiner Route eine ausgesprochene Puzzlearbeit werden.