Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 3

03. Tag, Dienstag, 10.05.2011, Eijsden – Sclayn (B), 89,3 km, 9:00-17:00 Uhr

Am Morgen ist das Außenzelt von beiden Seiten nass. Ich lasse mir also mit dem Abbau Zeit, muss das Zelt aber trotzdem reichlich feucht einpacken und sitze kurz nach 9:00 mit zwei Rosinenbrötchen vom Vortag im Magen wieder auf dem Rad. Der Himmel ist grau, es sieht nach Regen aus, und mir ist ganz schön frisch. Es folgen einige schöne Km entlang der Maas auf dem Knotenpunktradweg durch den schönen Ortskern von Eijsden mit einer sehr französisch wirkenden „Brasserie La Meuse“ bis zur belgischen Grenze. Belgien ist hier sofort sehr belgisch. Ansatzlos geht das reich und proper wirkende niederländische Limburg an der Grenze bei Visé in die arm und schmuddelig erscheinende Wallonie über. Zwei völlig unterschiedliche Welten. Faszinierend.

Ich überquere die Maas, bin kurz irritiert durch die veränderten Benennungen der Knotenpunkte (aus niederländisch 12 wird belgisch 412) und frage mich noch, wie lange mein Rad und ich wohl solche Schlaglochpisten aushalten werden, als ich in Haccourt auch schon den breiten und komfortablen Radweg auf dem Westufer des Kanals erreiche, der die Maas begleitet. Auf ihm komme ich flott voran, fahre fast im selben Tempo wie die großen Lastkähne, passiere verschiedene Industriebetriebe und erreiche nach 25 Km Liège. Unterwegs geht das Knotenpunktsystem verloren und der Radweg heißt Ravel 1. Aber das erfahre ich erst später.

In Liège muss ich das Ufer wechseln. Kein Problem, alles bestens beschildert. Im Stadtgebiet verlieren sich dann allerdings die Schilder, ersatzweise orientiere ich mich an den Symbolen des Pilgerwegs nach Santiago de Compostella, merke aber nach einer Weile, dass ich mich gar nicht mehr an der Maas befinde, sondern am Ostufer der Ourthe, die sich im Stadtzentrum mit der Maas vereinigt, und dass ich auf diese Weise viel zu sehr nach Süden von meinem Kurs abkomme. Ich muss zurück, schiebe mein Rad über Kreuzungen mit abartig hohen Bordsteinen, quere zu Fuß eine vierspurige Hauptstraße. Uferwege sind weit und breit keine mehr zu entdecken. Komme an etlichen Industriegebieten vorbei, überquere auf einer autobahnähnlichen Straße die Maas und bin froh, nach etlichen ziemlich scheußlichen Km endlich nach Jemeppe zu gelangen. Dort herrscht gerade Markt im Zentrum, und ich beschließe auf der Terasse enes kleinen Restaurants, das ausnahmsweise nicht mit Pizza, Panini oder Döner wirbt, zu essen, Salat, Spiegeleier, die seltsamerweise „Pferdeeier“ heißen, und die unvermeidlichen Fritten. Inzwischen ist es wieder sommerlich warm. Plaudere mit zwei älteren Damen an den Nebentischen und erfahre, dass es ab Jemalle, dem nächsten Ort, wieder einen Uferradweg geben soll. Mein Versuch, in einem Supermarkt eine Detailkarte der Gegend zu erstehen, bleibt erfolglos. Immerhin erhalte ich den Hinweis auf einen Campingplatz in Bas-Oha. Den Uferradweg finde ich allerdings nicht. Jeder Versuch, wieder an´s Ufer zu gelangen endet im Niemandsland zwischen der Maas und den Verladeanlagen von Industriebetrieben oder in Gestrüpp und Morast. Einmal mehr bewundere ich mein altes Rad dafür, was es alles wegsteckt. Schließlich gehe ich auf die N 617 und komme über Amay bis Huy, das von einem AKW dominiert wird. Sehr gemütlich.

Seit der niederländischen Grenze habe ich so ziemlich alles an Industrie erlebt, was man sich vorstellen kann. In dieser Region wird wirklich noch produziert und malocht wie im Ruhrgebiet vor 20 und mehr Jahren. Ich habe eine Menge Staub geschluckt und kann manchmal den Dreck zwischen den Zähnen und in den Augen spüren.

Hinter Huy wird es allmählich wieder etwas ländlicher. Der angepeilte Campingplatz in Bas-Oha erweist sich leider als so trostlos und dreckig, dass ich schleunigst weiter fahre bis Andenne. Im Touristenbüro des lebhaften Städtchens frage ich nach Campingplätzen und bekomme zu hören, dass ich dafür weit zurück fahren müsste, am besten nach Bas-Oha. Darauf kann ich gut verzichten. Auf die Frage nach einem Chambre d´Hotes, einem Gästezimmer bei privaten Vermietern, telefonieren die beiden Damen des Büros etwas herum und geben mir schließlich die Adresse von „L´Écluse“ im kleinen Sclay, wenige Km maasabwärts, direkt am Ufer. Das Haus mit der Fassade einer alten Kneipe liegt tatsächlich sehr schön. Empfangen werde ich von der Tochter des Hauses, später kommen die Eltern, die mich zum Bier einladen, und wir plaudern sehr nett über deren Radreise vor zwei Jahren auf dem Pilgerweg nach Tours und über meine Planung und Route. Das Zimmer erweist sich als ganzes Dachgeschoss mit großem Bad und Klimaanlage, die ich bald abschalte, um nicht einzufrieren. Beim Duschen stelle ich fest, dass mein Hinterteil gelitten hat. Ich verarzte mich mit Hirschtalg-Fußcreme von DM. Was für die Füße gut ist, kann dem Hintern nicht schaden.

Das Restaurant des Ortes ist so fürchterlich auf modern und „cool“ getrimmt, dass ich sofort wieder abdrehe. Die Fritterie des Ortes finde ich allerdings mal wieder nicht und gehe schließlich nach einem Apfel aus den Vorräten meiner Gastgeber in´s Bett. Auf dem Treppengeländer finde ich getrocknet und zusammengelegt meine Radkleidung, die ich nach der Ankunft gewaschen und in den Garten gehängt hatte.

Für die Übernachtung und das reichhaltige Frühstück zahle ich am nächsten Morgen 40 Euro.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 2

2. Tag, Montag, 09.05.2011, Reuver – Eijsden, 95,3 km, 9:00-17:00 Uhr

Ich stehe kurz vor 8:00 Uhr auf und bin um 9:00 Uhr startklar. Die Nacht war kurz und laut. Am Vorabend haben meine Nachbarn noch lange munter miteinander geplaudert, am frühen Morgen machen zwei Tauben direkt über mir ordentlich Radau, aber der Clou ist ein campingplatzeigener Pfau der x-Mal in der Nacht auf andere Geräusche reagiert und aus voller Kehle sein Warn-Geschrei anstimmt. Fühle mich trotzdem fit und fahre ohne Frühstück los. Weit und breit kein Café, keine Einkaufsmöglichkeit.

Anfangs versuche ich es mehrfach mit den Knotenpunkt-Radwegen entlang der Grenze Richtung Süden, gerate dabei aber immer wieder auf schotterige oder sandige Wald- und Feldwege, für die mein Rad zu schwer und seine Reifen zu schmal sind. Schließlich wechsle ich auf die breite Landstraße und erreiche Roermond, als die ersten Cafés gerade öffnen. Freue mich auf ein gutes Frühstück, bekomme aber in einem eigentlich ganz gut aussehenden Café am Hauptplatz der Stadt zum Kaffee tatsächlich nur Panini und Pizza angeboten. Am frühen Vormittag! Bin ziemlich konsterniert. Arme Niederlande! Was gab es hier in meiner Jugend überall für leckere Sachen zum Frühstück. Offene Bäckereien finde ich auch nicht. Dafür erstehe ich im benachbarten Touristenbüro VVV endlich eine ANWB Fietskaart, auf der die Radwege und Knotenpunkte entlang der Maas bis zur belgischen Grenze verzeichnet sind. Frage trotzdem nach Fernradwegen und bekomme die Empfehlung, dem LF3 auf der anderen Maasseite zu folgen. Die Maas in Roermond ist ziemlich breit, der Wind auf der Brücke heftig, so dass es eine Weile dauert, bis der Radweg in Sicht kommt bzw. die Großbaustelle, als die sich der Radweg dann erweist, völlig eingezäunt und unbefahrbar. Das Kartenstudium ergibt, ich muss wieder zurück in die Stadt und auf die andere Seite der Maas. Die Erfahrung, dass die Mitarbeiterinnen von Touristenbüros selbst in Hochburgen des Radtourismus (wie z.B. an der Loire) offensichtlich selbst nicht mit dem Rad fahren und keine Kenntnis von den Gegebenheiten in ihrer Region haben, werde ich noch einige Male machen.

Nach einem weiteren Versuch mit einem durch den Ort mäandrierenden Radweg gebe ich auf und fahre auf der Hauptstraße Richtung Sittard weiter. Mein „Frühstück“ nehme ich dann gegen Mittag an einer Tankstelle. Ausgerechnet! Käsebrötchen und zwei Bananen-Maracuja-Drinks. Sittard erweist sich als ebenso malerisch wie Roermond. Ich fahre langsam durch den Stadtkern, komme bei der Ausfahrt zu weit nach Osten ab, frage mich durch und treffe schließlich wieder auf die Straße nach Maastricht, meinem nächsten Etappenort. Um 15:00 Uhr beginnt es, für kurze Zeit heftig zu regnen, und ich fahre einige Km in voller Regenmontur: Regenjacke, -hose, -gamaschen und Helmüberzug.

Am Nordrand von Maastricht entscheide ich mich wieder für einen der ausgeschilderten Radwege und lerne prachtvolle Herrenhäuser in eindrucksvollen Parkanlagen kennen. Die Innenstadt durchquere ich schnell auf dem östlichen Maasufer, um zu dem Campingplatz am Südrand der Stadt zu gelangen, den ich auf der Karte entdeckt habe. Er gehört schon zur Gemeinde Eijsden, ist sehr nett und bietet einen schönen Blick auf den Fluss und die Hügel auf dem anderen Ufer. Die Übernachtung kostet 7,50 Euro plus 50 Cent für die Dusche. Ich baue bei leichtem Regen mein Zelt auf, wasche Hemd, Unterhemd und die Radhose, finde eine alte Wäscheschleuder und klammere meine Sachen zum weiteren Trocknen außen am Zelt fest. Nach dem Duschen mache ich mich auf die Suche nach Nahrung. Im Nachbarort soll es trotz des Montagabends eine offene Pizzeria und eine Art Imbiss geben. Ich fahre einige Kilometer, suche intensiv, finde aber nichts. Schließlich kaufe ich im winzigen Campingplatzladen auf, was einigermaßen nahrhaft aussieht, und mache mir Käsebrote. Dazu gibt´s Fruchtjoghurts und Bier aus der Dose. Zum Glück gibt es auf diesem Platz zwei Picknick-Plätze, stabile Tische und Bänke, so dass ich nicht auf dem Boden sitzen muss. Nur wenige Plätze bieten Fahrradtouristen und Wanderern diesen Komfort, wie ich in den folgen Tagen feststellen werde.

Der Abend ist deutlich kühler als der Vorabend. Im Laufe des Tages hat meine rechte Wade gemuckt. Am Abend fühlt sich die ganze Kniekehle etwas verhärtet an. In der Nacht wird es mir ganz schön kühl in meinem alten Daunenschlafsack.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 1

1. Tag, Sonntag, 08.05.2011, Essen – Reuver (NL), 90,5 km,9:00-16:30 Uhr

Es ist sommerlich. Regine hilft mir, das Rad zu bepacken, dann geht es gegen 9:00 Uhr los. Zwei Straßenecken weiter merke ich, dass der Radcomputer noch gar nicht angebracht ist, stelle alle Werte auf Null und starte nun richtig. Früher habe ich Radcomputer immer für überflüssig gehalten, aber für so eine lange Tour habe ich mir doch einen von Tchibo zugelegt, um unterwegs ein paar objektive Daten zu erhalten. Durch Holsterhausen bis zur Wickenburg, von dort auf dem Radweg unterhalb der Margarethenhöhe bis MH. Durch MH und DU komme ich besser als gedacht. Hauptfeind in DU die Straßenbahnschienen. Heikel mit dem schweren Rad auf dem schmalen Streifen zwischen Schiene und Bordsteinkante zu balancieren. Fahre schließlich in der Schienenmitte. Radwege nur abschnittsweise. Schöne Sonntagmorgenstimmung. Typisches Ruhrgebiet. Jungen spielen auf Brache. Schon viel los vor dem Zoo. Orientiere mich mit Hilfe der Kartenfunktion im iPhone (Fußgängermodus). Besser als alle Routenplaner im Internet. Werde im Hafen von DU am Kreisverkehr fast angefahren. In Rheinnähe viele Menschen, ein Volksfest auf den Rheinwiesen kündigt sich an. Nach 25 Km fahre ich über die Rheinbrücke. Lange tuckert und stinkt ein Traktor mit leerem Anhänger für bestimmt 20 Mitfahrer neben mir her.

Durch Moers geht es über Neukirchen und Vluyn immer nach Westen. Komme durch Ort mit Straßenfest und Straßensperrung. Fahre Landstraße. Erste Pause nach 40 km und 3 Stunden an der Kirche von Schaephuysen. Esse meine Brötchen. Weiter geht´s über Aldekerk, Wachtendonk, Wankum und Herongen. Es läuft alles sehr gut. Habe meine ideale Trittfrequenz gefunden, komme schneller voran als gedacht, genieße die Bewegung und freue mich, wie leicht mir das Radeln fällt. Um 15:00 Uhr erreiche ich die Stadtgrenze von Venlo und bewundere die properen Villen am Stadtrand. Im Ort viele Radfahrer, aber kaum Schilder. Frage Mann auf Rad nach dem Weg ins Zentrum, nach Campingplatz und komme etwas ins Plaudern. Er empfiehlt mir einen Platz in Baarlo, ca. 10 km südlich von Venlo. Suche etwas nach der richtigen Ausfahrt aus der Stadt, erreiche die Maas und fahre am rechten / östlichen Ufer nach Süden. Merke zu spät, dass Baarlo auf der anderen Seite der Maas liegt. Habe von dieser Gegend noch keine Karten, weil ich mich auf die legendär guten Radwegebeschilderungen verlasse.

Auf meiner Seite sehe ich dann zum Glück ein Hinweisschild auf einen Campinplatz, das mich im rechten Winkel 2-3 km nach Osten vom Ufer weg führt. Frage unterwegs nach, weil keine Schilder mehr kommen. Lande gegen 16:30 auf dem Camping Natuur Plezier in Reuver, wo ich von der freundlichen Astrid nach kurzer Wartezeit empfangen werde. Für die Übernachtung zahle ich 7,90 Euro. Netter kleiner Platz mit einigen Dauercampern und Wohnmobiltouristen. Baue Zelt auf, leider in der Sonne. Drinnen ist es unerträglich warm. Die Dusche ist eine Riesenwonne. Nach dem Umziehen gehe ich im Ausflugslokal nebenan zwei große Alster trinken und esse ein Lachsbaguette. Gut besucht. Viele Wochenendtouristen, etliche davon mit Rädern. Sehe mehrere Elektro-Fahrräder. Viele Stammgäste. Man kennt sich. Die Grenze ist in Sichtweite. Niederländisch, Deutsch und Platt gehen mühelos durcheinander.

Mit dem letzten Tageslicht krieche ich in mein Zelt und mache ich mich für die Nacht zurecht. Eine meiner Motivationen für die Tour bestand darin, nach 21 Jahren mal wieder im Zelt zu leben. Anders als Regine verbinde ich damit positive Erinnerungen. In meiner ersten Nacht frage ich mich bereits, woher die stammen. Das Leben auf allen Vieren kommt mir recht mühsam vor. Obwohl ich ein 2-3 Personen-Zelt gekauft habe, Salewa Denali III, das mir beim Probeaufbau zu Hause noch reichlich überdimensioniert vorkam, finde ich es in meinem Kunststoff-Iglu eher eng. Vier Packtaschen, eine Lenkertasche und ein Haufen Kleinkram wollen neben einer Iso-Matte und Schlafsack untergebracht sein. Zu zweit würde ich in diesem Zelt nur im äußersten Notfall übernachten wollen. Nachts rutsche ich ständig von meiner 50 cm breiten Thermarest-Matte. Im Schlafsack komme ich mir vor wie eine ägyptische Mumie, kann mich kaum bewegen oder auf die Seite drehen.

Am Vormittag war das Fahren am schönsten. Alles noch ruhig und mild. Gute Luft. Mittags kommen mit der Hitze (ca. 25 Grad) der Wind und der Staub. Ich genieße, wie sich am Niederrhein die Landschaft weitet und höre den ersten Kuckuck rufen. Sein Ruf begleitet mich bis weit nach Frankreich hinein. Alles satt grün. Leider auch viel Ausflugsverkehr auf der Straße.

Die Strecke war sehr flach. Minimale Steigungen in MH. Statt der geplanten 50 km bin ich am Ende mit einigen Umwegen 90,5 km gefahren. Unterwegs wäre aber auch nicht viel gewesen, wo ich hätte übernachten wollen oder können.

Ich lerne, dass das berühmte Knotenpunktsystem der Radwege an der Maas mir ohne Karte wenig hilft. Zwar gibt es ab und zu Übersichtstafeln und man kann sich dort die nächsten Punkte merken oder notieren, die man ansteuern möchte (z.B. 17-18-33-34-51). Mir wäre für die Orientierung wesentlich lieber, wenn auf den Markierungen nicht nur Nummern, sondern auch Ortsnamen stünden. Die Radwege bedienen vor allem regionale touristische Interessen und sind nicht unbedingt für Tourenradler angelegt.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 4 – Generalprobe erfolgreich

mein Drahtesel als Packesel, (c) Michael Kneffel

Gestern war Generalprobe für meine Fahrt. Zum ersten Mal habe ich das Rad nahezu komplett beladen und bin eine Strecke von knapp 50 Km gefahren. Anfangs kam es mir so vor, als würde der Lenker wackeln wie ein Lämmerschwanz, mein Starttempo war deutlich niedriger als an den Vortagen, dafür schnellte mein Puls in ungewöhnte Höhen, die erste längere Steigung nahm ich im kleinsten Gang. Nach 3-4 Km und auf ebener Strecke lief es dann aber schon ausgesprochen gut. In Essen-Kettwig schickte mich leider eine offizielle Radweg-Umleitung ziemlich steil hinunter an die Ruhr und mitten in´s Schotterbett einer Großbaustelle. Über Kilometer wird hier der Radweg erneuert. Essen,  die angebliche so fahrradfreundliche Stadt, kämpft offensichtlich engagiert weiter um die mehr als einmal gewonnene „Rostige Speiche“. Ich kann mir gut vorstellen, welcher Sturm der Entrüstung durch die Lokalzeitungen tobte, wenn eine Umleitung für PKW so endete. Nach einigen Meter im Schotter wechselte ich auf die Traktorspur im benachbarten Getreidefeld und bewunderte mein Rad und insbesondere die alten Reifen dafür, wie sie mit dieser Wegstrecke fertig wurden. Ein Rad, das Essener Straßen und Wege aushält, kommt auch bis nach Südfrankreich!

Lieber auf den Acker oder in den Schotter? (c) Michael Kneffel

Durch Kettwig ging es dann auf normalen Straßen und im dichten Feierabendverkehr entlang der Ruhr nach Essen-Werden. Am Baldeneysee stellte sich dann endlich ein, worauf ich bei meiner Frankreichtour so freue: entspanntes, lautloses Gleiten durch eine schöne Landschaft.

Natürlich war es etwas anstrengender mit dem vollen Gewicht zu fahren, aber ich hatte am Ende überhaupt nicht das Gefühl, mich verausgabt zu haben. Schon nach den vier Wochen Vorbereitung spüre ich, wie sich mein Gesamtkonstitution erheblich verbessert hat. Den kommenden Wochen in Frankreich sehe ich gelassen und mit großer Vorfreude entgegen.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 3 – Die Vorbereitung ist fast abgeschlossen

in der Bretagne 2001, (c) Michael Kneffel

So! Meine Routenplanung ist abgeschlossen. Am tiefsten in´s Detail gegangen bin ich für die Strecke zwischen Belgien und Paris, weil ich in dieser Gegend noch nie Rad gefahren bin. Sehr geholfen hat mir dabei eine Streckenbeschreibung auf der Seite www.radweit.de. Auf dieser Seite werden in der Hauptsache deutsche Routen beschrieben, aber ein paar wenige in Frankreich sind eben auch dabei. Für Nordfrankreich habe ich mir inzwischen auch IGN-Karten im Maßstab 1:100.000 angeschaft, die ich wärmstens empfehlen kann. Relativ viel  Zeit habe ich noch darauf verwendet, einen möglichst komfortablen Weg an der Seine aus Paris heraus in Richtung Südwesten zu finden. In einschlägigen Foren und mit Hilfe von Google habe ich einige Tipps bekommen, ganz eindeutig war das aber alles nicht. Ein paar Mal scheint die Flußseite gewechselt werden zu müssen, wo genau, werde ich dann hoffentlich vor Ort rechtzeitig erkennen. Verlassen werde ich die Seine in Moret-sur-Loing, um dann dem Canal de Loing bis Montargis zu folgen und von dort einem nicht mehr genutzten Kanal bis Orleans. Ab dort wird es dann für mich einfach, weil ich südlich der Loire fast überall schon mal geradelt bin. Bis zur Mittelmeerküste werden mir die gelben Michelin-Karten im Maßstab 1.200.000 reichen.

Radeln in Paris 2001, (c) Michael Kneffel

Die Routenpanung war natürlich nur ein Teil der bisherigen Vorbereitung. Daneben ging es auch darum, mir eine Grundkondition zu verschaffen, um überhaupt über die ersten Etappen von täglich 50 Kilometern zu kommen. Vor vier Wochen etwa habe ich damit begonnen, jeden zweiten Tag meine „Hausstrecke“ von Essen-Rüttenscheid nach Essen-Steele zu fahren, hin und zurück 14 Kilometer, mit einer langen Abfahrt / Steigung. Seit zwei Wochen ungefähr fahre ich täglich, erst um die 25 Km, heute zum ersten Mal über 50 Km. Ohne Gepäck ließ sich die heutige Trainingsfahrt trotz des starken Ostwinds ziemlich mühelos in drei Stunden schaffen. Bis zum 8. werde ich noch einige Km zulegen und auch Gepäck mitnehmen, Zelt, Schlafsack, Isomatte – alles was sich schnell verstauen läßt. Inzwischen habe ich auch beschlossen, mit zwei kleineren alten Ortlieb-Taschen am Vorderrad und zwei großen und noch älteren Karrimor-Taschen am Gepäckträger zu fahren. Dazu kommt eine geräumige Ortlieb-Lenkertasche. Zelt und Isomatte werde ich ebenfalls auf dem Gepäckträger befestigen. Während des extremen Pollenflugs der letzten Wochen, gegen den Staub der zurückliegenden Trockenzeit und gegen die abendlichen großen Insektenschwärme hat mir ein Halstuch beste Dienste geleistet. Nie mehr ohne! Nach einer sehr feuchten Gewitterfahrt in dieser Woche habe ich mir außerdem schnellstens eine Regenhaube für meinen Helm und wasserdichte Gamaschen für die Schuhe zugelegt. Nach einer Regenfahrt am nächsten Morgen wieder in klätschnasse Schuhe steigen zu müssen, stelle ich mir nämlich nicht sehr prickelnd vor. Meinen Lenker habe ich außerdem durch neue Handgriffe mit verstellbaren „Hörnern“ aufgemotzt. Das sieht bizarr aus, ist aber sehr angenehm und hilft mir vor allem, ab und zu mal eine aufrechtere Position einzunehmen, um die Schultern und den Rücken zu entlasten und solche starken Winde wie heute „abzusegeln“. In Frankreich ist übrigens eine Warnweste für alle Radler bei schlechten Sichtverhältnissen und in der Nacht Pflicht.

Bizarr, aber sehr wohltuend, meine neuen Griffe, (c) Michael Kneffel

Mit den gestern gekauften Ersatzteilen (Kette, Schlauch, Schaltzug, Bremszüge) ist das Rad jetzt komplett. Für das Zelt fehlt mir noch eine leichte, aber strapazierfähige Unterlegplane. Die Kommunikationsfrage ist auch gelöst. Ich habe mein iPhone entsperren lassen, so dass ich in Frankreich eine Prepaid-Karte eines französischen Anbieters einlegen und dadurch deutlich günstiger telefonieren und in´s Internet gehen kann. Außerdem habe ich meinen deutschen Vertrag gewechselt und kann nun auch damit – bis zu gewissen Grenzen – relativ preiswert im Ausland den Kontakt nach Hause halten.

Französische Apps für das iPhone lassen sich übrigens leicht über iTunes herunterladen. Wenn man den genauen Namen schon kennt, geht das einfach über die deutsche iTunes-Version, ansonsten muß man zur französischen Version wechseln (ganz unten rechts auf der App-Store-Seite den schwarz-rot-goldenen Button anklicken und dann auf der sich neu öffnenden Seite den blau-weiß-roten Button auswählen), sich dort informieren, das Passende aussuchen, dann zurück zur deutschen Version gehen und dort herunterladen. Direkt von der französischen Seite zu laden, klappt leider nur, wenn man auch ein französisches iTunes-Konto hat. Die Wettervorhersagen von MeteoFrance sind jedenfalls klasse.

In der verbleibenden Woche werde ich mich um die Rückfahrt mit der Bahn kümmern. Wenn man vorher reserviert, kann man sein Rad auch im TGV mitnehmen. Leider sind die Reservierungen nur in Frankreich möglich und im SNCF-Büro am Kölner Hauptbahnhof. Auf der Seite www.velo.sncf.com kann man sich aber vorab schon mal informieren, auf welchen Strecken und in welchen Zügen die Fahrradmitnahme möglich ist.

Ansonsten werde ich mal versuchen herauszubekommen, wo auf meinem Weg Campingplätze liegen und ob sie im Mai schon geöffnet sind. In den neuen Michelin-Karten sind sie nicht mehr verzeichnet. Zum Glück habe ich aber noch viele alte Karte.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 2 – Radrennen, Radpilgern oder Radwandern? Und wie komme ich an gute Karten?

Das Thema „Mit dem Rad durch Frankreich“ scheint in der Luft zu liegen und viele Menschen zu faszinieren. Fast alle, mit denen ich seit Ende März über mein Vorhaben geredet habe, bekamen leuchtende oder sehnsuchtsvolle Augen und beteuerten, dass sie am liebsten mitfahren würden. Stephan Hermsen, Redakteur der NRZ berichtete in der gestrigen Ausgabe über seine Radtour vom Niederrhein nach Paris in vier Tagen http://www.derwesten.de/leben/reise/Mit-dem-Fahrrad-in-vier-Tagen-aus-dem-Ruhrgebiet-nach-Paris-id4567681.html. Auch er nutzte am Anfang die schönen Radwege entlang der Maas in den Niederlanden und in Belgien, folgte dem Fluß dann aber bis weit nach Frankreich hinein und kam auf diesem Weg arg in die Berge der Ardennen und der Champagne. Mit Tagesetappen von bis zu 192 Km erinnert mich seine Tour eher an ein Radrennen als an eine Radreise oder Radwanderung, wie sie mir vorschwebt.

Am Anfang meiner Suche nach einer geeigneten Route, bekam ich aus dem Freundeskreis den Hinweis auf auf eine Bocholter Gruppe, die 2008 mit dem Rad nach Santiago de Compostela gepilgert ist http://www.jakobsweg.kilu.de/html/. Um dieser Planung zu folgen, muß man aber sehr fit sein und einen gewissen Hang zur Selbstkasteiung besitzen, wie er Pilgern ja möglicherweise eigen ist. Die Tagesetappen waren zwischen 120 und 170 Km lang und führten munter alle möglichen Berge hinauf, in tiefe Flußtäler hinunter und auf der anderen Seite gnadenlos wieder bergauf. Nichts für mich! Ich bin zur Zeit noch nicht besonders in Form und möchte die Fahrt gerade auch dazu nutzen, meine Kondition allmählich wieder aufzubauen. Also brauche ich einen anderen Plan.

Seit Jahren schon geht mir die Idee durch den Kopf, für eine längere Radtour in Frankreich die Treidelpfade an den vielen Kanälen zu nutzen, die das Land durchziehen und auch durch bergige Regionen führen. Auf früheren Fahrten bin ich immer wieder mal mit solchen Kanälen in Berührung gekomme, habe das entspannte Radeln auf den ebenen Strecken sehr genossen. Nur an den Schleusen müssen auf kurzen Rampen einige Höhenmeter genommen werden, danach geht es dann wieder kilometerlang nahezu mühelos weiter. Irgendwann Anfang der 90er Jahre habe ich dann schon mal eine Karte der französichen Schifffahrtswege im Maßstab 1/1.428.000 von 1987 erstanden, die „Carte Vagnon No. 1 – Carte de France des voies navigables“, die seitdem in einer Schublade schlummerte. Mit ihrer Hilfe habe ich die grobe Routenplanung vorgenommen, über die ich vorgestern berichtet habe. Die weitergehenden Fragen lauten nun, gibt es an den verzeichneten Flüssen und Kanälen auch tatsächlich befahrbare Treidelpfade oder sogar ausgebaute Radwege, in welchen  Karten sind sie verzeichnet und wie komme ich an diese Karten?

Normalerweise kann man in Frankreich hervorragend nach den gelben Michelin-Straßenkarten im Maßstab 1/200.000 Rad fahren, wenn man die rot markierten Hauptstrassen meidet, die gelb markierten auch nur selten benutzt und sich vor allem an die weiß markierten Nebenstrecken hält. Nur die Radwege, die in den letzten Jahren in großer Zahl entstanden sind und auf alten Bahntrassen oder eben an Kanälen und Flußufern abseits des Autoverkehrs durch die Regionen führen, sind dort nicht abgebildet.

Auf der französichen Internetseite http://www.af3v.org werden unter dem Titel Les Véloroutes et Voies Vertes de France  einige dieser „voies vertes“ ( „grüne Wege“) gezeigt. Dort findet sich auch der Hinweis auf den geplanten transeuropäischen Radweg EV3, den „Pilgerweg Trondheim – Santiago de Compostela“, der in seinem französichen Teil ziemlich genau meiner groben Routenplanung entsprechen und einige „voies vertes“ nutzen wird. Leider werden auf dieser Seite nur ganz wenige Teilstücke im Detail beschrieben. Aber immerhin. Besser als nichts!

Wählt man auf Google Earth die Einstellung „Maps“, sieht man dort auch die Leinpfade, die als „Chemin de Halage“ bezeichnet werden. Für die Vorbereitung kann das noch hilfreich sein. Später auf dem Rad nützt mir Google Earth leider herzlich wenig. Ich müßte schon ein iPad dabei haben und dafür einen Vertrag mit einer französischen Telefongesellschaft abschließen.

Nach den Feiertagen werde ich im Buchhandel mal nach französischen IGN-Radwanderkarten fahnden, die es zumindest für einige ausgesuchte Regionen geben soll.  Im Moment sieht es so aus, als könnte die Feinplanung meiner Route eine ausgesprochene Puzzlearbeit werden.


Mit dem Fahrrad von Essen nach Südfrankreich

Irgenwann kurz vor meinem 57. Geburtstag machte es Klick in meinem Kopf und der Plan stand. Zumindest in groben Zügen. Ich werde mit dem Fahrrad von Essen nach Südfrankreich fahren, um genau zu sein nach St. Jean de Buèges in der Nähe von Montpellier, wo ein befreundetes Paar seit Jahrzehnten ein Naturschutzprojekt und ein Bildungshaus betreibt. Grob geschätzt werde ich 1500 – 1600 Kilometer zu radeln haben. Wenn ich jeden Tag um die 50 Km fahre, werde ich nach einem Monat in St. Jean ankommen. 5o km sind nicht viel für einen Radfahrer, aber ich bin auch schon lange nicht mehr lange Strecken gefahren, in den letzten drei Jahren näherte sich meine Kondition aus gesundheitlichen Gründen dem Nullpunkt, ich werde relativ viel Gepäck dabei haben, weil ich so oft wie möglich im Zelt übernachten möchte, und vor allem: ich möchte etwas sehen von Frankreich, möchte Land und Leute erleben, die Natur  genießen und nicht nur „Kilometer fressen“. Meine Geburtstagsgäste bekamen den Auftrag: Keine Geschenke! Aber durchforstet bitte eure Bestände zu Hause, ob irgendetwas dabei ist, was mir auf so einer Reise nützlich sein und was ich mir ausleihen kann! Die einzige große Neuanschaffung war bisher ein Kuppelzelt. Und dabei soll es auch bleiben. Schlafsack und selbstaufblasende Isomatte sind seit langem vorhanden. Mein altes Trekkingrad funktioniert auch nach 21 Jahren noch einwandfrei. Packtaschen liegen seit vielen Jahren im Regal und sind anscheinend unkaputtbar.

Meine Route soll zunächst über Venlo nach Maastricht und entlang der Maas über Liège nach Namur in Belgien führen. Dort will ich die Maas verlassen und der Sambre bis Charleroi folgen. Von dort soll mich der Sambre-Oise-Kanal in Richtung Paris führen. Ab La Fère soll es entlang der Oise bis zur Seine kurz vor Paris gehen. Mit der Seine will ich die Stadt durchqueren und in Richtung Südosten verlassen, bis Saint-Mammès. Hier beginnt der Canal du Loing, der mich bis Montargis bringen soll. Von dort führt ein alter, inzwischen aufgegebener Kanal an die Loire, kurz vor Orleans. Ob er befahrbare Treidelpfade hat, muß ich noch prüfen. Die Radwege an der Loire sind bekannt und von Millionen Radtouristen erprobt. Auf ihnen möchte ich über Blois und Tour bis zur Einmündung der Vienne fahren, der ich bis Chatelleraut folgen werde. Von dort soll es an den Ufern des Clain bis Poitier gehen.

Meine Grundidee besteht darin, wann immer möglich Kanälen und Schiffahrtswegen zu folgen, um heftige Steigungen zu vermeiden. Von Poitier bis zur Atlantikküste wird das nicht möglich sein. Auf dieser Strecke sind einige Berge nicht zu vermeiden, aber vor 24 Jahren bin ich hier schon mit dem Hollandrad und Dreigangschaltung durchgekommen. Mit 24 Gängen wird es im Jahr 2011 auch wieder gelingen. Am Atlantik sind die Radwege gut ausgebaut und fast immer topfeben. Ab Bordeaux werde ich zunächst der Garonne, dann dem Seitenkanal der Garonne und schließlich dem Canal du Midi folgen, der mich bis zur Mittelmeerküste bringen soll. Von dort sind es bis Montpellier und St. Jean de Buèges nur noch zwei Tagesetappen. Die letzte führt allerding wieder nach Norden, in die Berge, an den Rand der Cevennen. Aber bis dahin sollte ich genug Kraft in den Beinen haben, um gut anzukommen.

Der Startschuss zu meiner ganz persönlichen Tour de France soll am 7. oder 8. Mai fallen. Bis dahin ist noch einiges vorzubereiten und abzuklären.  Gibt es an den Flußufern und Kanälen tatsächlich überall befahrbare Radwege? Wo liegen Campingplätze, die im Mai schon geöffnet haben? Muß ich nicht doch einige Komponenten am Rad austauschen? Kette und Reifen wurden noch nie gewechselt. Wie halte ich von unterwegs Kontakt nach Hause? Wie kann ich unterwegs meine Emails abrufen und ggf. beantworten, ohne mich durch teure Roaming-Gebühren zu ruinieren. Kunden und Auftraggeber melden sich mit Vorliebe, wenn man nicht am heimischen PC sitzt und brauchen das gewünschte Foto in der Regel unbedingt bis zum nächsten Morgen.  Soll ich überhaupt eine Kamera mitnehmen und wenn ja, welche? Es gibt also noch einiges vorzubereiten. Ich werde weiter berichten.