Menüempfehlungen für den August

Mit einer urlaubsbedingten Verzögerung reiche ich die Menüempfehlungen für den Monat August von Monsieur Phileas Gilbert aus dem Jahr 1884 nach. Damals nahm die Begeisterung für das Meer bei den Franzosen aller Schichten gerade erst ihren Anfang. Viele Seebäder und die Eisenbahnlinien dorthin waren noch in Planung oder Aufbau. Spätere Menüempfehlungen für diesen Monat wären kaum ohne Meeresfrüchte ausgekommen. Aber auch so läuft mir das Wasser im Munde zusammen.

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Menu de Déjeuner (Mittagsmenü)

Beurre – Melon – Saucisson d´Arles

Oeufs froids Marinette

Filets de rougets à la Villeroy

Entrcote Robinson

Terrine de Caneton au sang

Grenade aux cerises

Menu de Diner (Abendmenü)

Potage crème Maria

Turbotin à la Dugléré

Poularde poelée financière

Contrefilet roti

Fonds d´artichauts Montrouge

Melon aux fraises

Mein Foto der Woche

Kinder in der Bretagne im Abendlicht © Michael Kneffel

Kinder in der Bretagne im Abendlicht © Michael Kneffel

Dieses Foto entstand im Sommer 2006 in der Nord-Bretagne bei Kerlouan. Kinder aus dem Ort warten auf ihren Auftritt in dem Stück „Pecheurs de Goemon“ der bretonischen Theatergruppe Ar Vro Bagan, die das mit vielen Laienschauspielern einstudierte Stück am Strand von Menez Ham aufführte. Dargestellt wurde das Leben der Algenfischer im letzten Jahrhundert.

Im Bistrot de Pays von Claudette

Wir wurden gewarnt. Wenn wir am Sonntagmittag nicht früh ins Bistrot „Chez Claudette“ gingen, würden wir keinen Platz mehr bekommen. Also machten wir uns zeitig auf den Weg und stellten fest, dass die Warnung mehr als berechtigt war. Auf der Straße vor dem Bistrot standen mehrere Menschen in kleinen Grüppchen und schienen noch zu überlegen. Also nichts wie rein! Ein Großteil der Bevölkerung aus St. Roman-de-Malegarde und den umliegenden Dörfern schien bereits im gut gefüllten Gastraum versammelt zu sein. Zum Glück hatte die resolute Namensgeberin des Bistrots  den Ansturm souverän im Griff und fand auf der Terrasse auch für uns noch ein Plätzchen.

Ein wirklich guter Roter („Wir sind hier in einer Weinbauregion!“) stand schon auf dem Tisch, unsere Bestellung war zügig aufgenommen und wir konnten uns ohne jede Wartezeit am gut bestückten Vorspeisenbuffet bedienen. Favorit bei den vielen Stammgästen war hier eindeutig die gewaltige Fleischpastete, von der beachtliche Scheiben auf die Teller wanderten. Als Hauptgerichte gab es gute Hausmannskost. Wir hatten die Auswahl zwischen einem Fleisch- und einem Fischgericht. Danach konnten wir zwischen einem Dessert und der Käseplatte wählen. Und auch beim Käse musste sich niemand zurückhalten. Das Ganze kostete  12 Euro pro Person! Der kleine Schwarze, den wir anschließend im vorderen Gastraum an der Theke tranken, um nicht länger als nötig den begehrten Tisch zu blockieren, kostete gerade mal einen Euro und war vorzüglich. Kein Wunder also, dass die Stimmung im Restaurant ausgezeichnet war. Es wurde viel gelacht und von einem Tisch zum anderen parliert. Die familiäre Atmosphäre und das gute Essen bei Claudette haben wir so genossen, dass wir gern auch unter der Woche wieder zu ihr gegangen sind.

Claudettes Bistrot erwies sich für uns als Glücksfall. In den ersten Tagen unseres Frühjahrsurlaubs hatten wir feststellen müssen, dass Restaurants in der Umgebung unseres Ferienorts Villedieu, einige Kilometer nördlich von Vaison-la-Romaine in der Vaucluse, Mangelware sind. Und schon seit Jahren beobachten wir auf unseren Reisen in Frankreich, dass dort in vielen ländlichen Regionen Geschäfte, Cafés und z. B. Postämter auf dem Rückzug sind. Große Supermärkte am Rande der Oberzentren, Versandhändler, veränderte  Ess- und Lebensgewohnheiten haben ihnen die Existenzgrundlage entzogen. Pro Jahr schließen etwa 1000 ländliche Bistrots, womit wichtige Treffpunkte für die Bevölkerung verloren gehen. Zurück bleiben oft seltsam unbelebte Orte, manchmal gerade noch für wenige Wochen in den Ferien mühsam reanimiert. Betroffen sind von dieser Entwicklung vor allem die Menschen, deren Mobilität eingeschränkt ist.

ImprimerUnter dem Label „Bistrots de Pays“ versucht in Frankreich bereits seit zwanzig Jahren eine landesweite Initiative gegenzusteuern und die Grundversorgung sowie das Zusammenleben in Kommunen mit weniger als 2000 Einwohnern abzusichern. Sie unterstützt gegenwärtig etwa 250 selbständige Gastronomen, aber nur wenn diese auch  bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen. Dazu gehört, dass sie täglich eine Auswahl an Speisen und Getränken aus der regionalen Produktion zu moderaten Preisen anbieten, und zwar das ganze Jahr über. Wenn es keine Lebensmittelgeschäfte mehr im Ort gibt, müssen die Bistrots diese Aufgabe mit übernehmen. Viele von ihnen fungieren auch als Verkaufsstellen für Zeitungen, Tabakwaren und Briefmarken. Daneben wird von ihnen erwartet, dass sie mindestens drei Mal im Jahr kulturelle Veranstaltungen organisieren und für ihre Gäste lokale touristische Informationen bereit halten.

Wer nach Frankreich fährt, kann sich leicht auf der Internetseite http://www.bistrotdepays.com einen Überblick über die Standorte verschaffen, unter anderem auf der Übersichtskarte http://www.bistrotdepays.com/bistrots-de-pays-carte/. Wir suchen bei unseren Planungen inzwischen gezielt nach diesen ländlichen Bistrots und nehmen für sie auch schon mal einen Umweg in Kauf.

Menüempfehlungen für den Juli

Im Jahr 2010 hat die UNESCO die französische Küche zum schützenswerten immateriellen Weltkulturerbe ernannt. Diese Anerkennung von höchster Stelle galt weniger den Spitzenleistungen von Köchen wie Paul Bocuse oder Alain Ducasse als vielmehr der ganz speziellen Kultur des Essens in Frankreich. Die UNESCO ehrte ausdrücklich das französische Menü mit seinen mindestens vier Gängen. Laut UNESCO fördere das traditionelle französische Essen das gesellige Beisammensein, die Freude an Aromen und die Balance zwischen Mensch und natürlichen Produkten. Der klassische Ablauf mit Apéritif, Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch, Käse und Kaffee finde nur noch selten statt und müsse deshalb als Kulturerbe besonders geschützt werden.

Dieser Auffassung möchte ich mich nicht nur ausdrücklich anschließen. In meinem neuen Blog werde ich vielmehr regelmäßig Menüvorschläge vorstellen, die erstmalig 1884 in einem Kochbuch mit dem Titel „LA CUISINE DE TOUS LE MOIS“  (Die Küche für alle Monate) veröffentlicht wurden. Wann und wie dieses alte Schätzchen in unseren Bücherschrank gelangt ist, lässt sich beim besten Willen nicht mehr feststellen. Es steht in einer Reihe mit alten Reiseführern und Wörterbüchern, die uns immer wieder gute Dienste leisten.  Im besagten Kochbuch stellte der Autor Philéas Gilbert mindestens sechs Menüs für jeden Monat des Jahres zusammen, jeweils drei für das Mittag- und für das Abendessen. Dazu  lieferte er selbstverständlich auch die genauen Rezepte der einzelnen Gänge und ergänzte seine Monatsempfehlungen durch Vorschläge, wie die Gemüse und Früchte der Saison haltbar gemacht werden konnten.

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Mir kommen seine Menüvorschläge wie kleine Gedichte vor, welche die Phantasie anregen, Erinnerungen an gesellige Stunden in Frankreich lebendig werden lassen und Bilder von schönen Orten herauf beschwören.

Die ersten Menüvorschläge  für den Juli lauten:

Menu de Déjeuner (Mittagsmenü)

Beurre – Macédoine – Sprotts à l`huile

Oeufs froids Germaine

Poitrine de veau farcie purée de pois verts

Poulet grillé à la Diable

Tomates frites

Flan de cerises meringue

Menu de Diner (Abendmenü)

Potage crème de Laitues

Carpe à la Juive (ou à l´Orientale)

Foie de Veau étuvé à la Briarde

Petite Dinde à la broche

Aubergines au gratin

Pudding de riz à la groseille

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Die Küste der Picardie 4 – Vogeljagd und Vogelschutz in der Bucht der Somme

Mitten in meinen Tiefschlaf knallt und knattert es wie das Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor. Der Lärm ist so infernalisch, dass eine Instanz in meinem Hirn beschließt, ihn für den Bestandteil eines Traums zu halten. Wie in Jaques Tatis Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“ sehe ich eine kleine Strandbude vor meinem geistigen Auge, die in tiefer Nacht fast zu explodieren scheint. Jemand hat versehentlich das darin für den nächsten Abend gelagerte Feuerwerk entzündet. Diese Vorstellung bereitet mir großes Vergnügen, bis mir allmählich klar wird, dass ich gar nicht träume und dass der Höllenlärm echt ist. Ich werde langsam wach und versuche, mich zu orientieren. Ich liege im Bett einer Ferienwohnung in Le Crotoy an der Bucht der Somme. Es ist Sommer, und draußen ist es noch nicht ganz hell. Was zum Teufel soll also dieser Radau? Und dann sickert mir allmählich eine kleine Information ins Bewusstsein, die ich in den Tagen vorher offensichtlich verdrängt hatte: 1. August, Beginn der Jagdsaison. Seit sechs Uhr in der Früh ballern Jäger in der Bucht was das Zeug hält, und ich kann mir kaum vorstellen, dass auch nur ein Vogel der Gegend das Trommelfeuer überleben wird. Später am Tag stelle ich fest, dass dies zum Glück ziemlich vielen gelungen ist. Möglichweise nur deshalb, weil nicht wenige Jäger schon am frühen Morgen große Mengen Alkoholisches in sich hinein gegossen haben. Die Parkplätze am Rand der Bucht sind mit leeren Flaschen und Bierdosen vollgemüllt.

Spaziergänger bei Ebbe in der Bucht der Somme (c) Michael Kneffel

Spaziergänger bei Ebbe in der Bucht der Somme (c) Michael Kneffel

Dabei kann es hier so schön sein. Seit wir zum ersten Mal an einem windstillen Abend von Le Crotoy aus bei Ebbe weit in die Bucht der Somme hinausgelaufen sind, übt dieses Fleckchen Frankreich eine fast schon magische Anziehungskraft auf uns aus. Auf zehn Kilometern Länge mündet die Somme nach ihrer langen Reise durch die Picardie von Südost nach Nordwest in den Ärmelkanal und hat einen weitläufigen Trichter aus Salzwiesen und Schlickgebieten geschaffen, die bei jeder Flut gewässert werden. Ein großer Teil des Gebietes steht seit 1994 unter Naturschutz und bietet als Réserve naturelle de la baie de Somme Lebensraum für über 300 Vogelarten. Viele Zugvögel machen hier Zwischenstation auf ihren langen Reisen von Kontinent zu Kontinent. Im äußersten Norden der Bucht  liegt der Parc du Marquenterre, eines der bekanntesten Vogelschutzgebiete Frankreichs. Es umfasst 250 ha Fläche. Weit draußen im Mündungsgebiet leben seit einigen Jahren wieder Seehunde und Kegelrobben, die sich von Ausflugsschiffen leicht beobachten lassen.

Krickente im Vogelpark von Marquenterre (c) Michael Kneffel

Ornithologe mit Krickente im Vogelpark von Marquenterre (c) Michael Kneffel

Dass Naturschutz und exzessive Jagd so nah beieinander liegen können, hat seine Wurzeln in der Französischen Revolution. Damals wurde das Jagdprivileg des Adels abgeschafft, und jeder Bürger durfte fortan mit der Flinte bewaffnet auf die Jagd gehen. Dieses Recht gilt auch heute noch als nahezu unantastbar und wird von den ca. 1,5 Millionen Jägern und ihren einflussreichen Vereinigungen mit allen Mitteln, nicht immer sauberen, verteidigt. Jeder, der in Frankreich die politische Macht anstrebt, vermeidet es, sich mit dieser Gruppe ernsthaft anzulegen.

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Die Küste der Picardie 3 – entlang der Steilküste von Mers-les-Bain nach Bois-de-Cise

das Meer bei Mers-les-Bains im Winter (c) Michael Kneffel

Es ist kalt. Es ist  windig. Und es ist wunderbar. Wir stehen Ende Dezember hoch über dem Meer und schauen in ein konturloses Grau-Türkis, zu dem sich Wolken und Wasser verbunden haben. Nicht auszuschließen, dass wir in den nächsten Stunden noch Regen abbekommen werden. Aber egal. Eine der schönsten Unternehmungen an der Küste der Picardie und ein absolutes Muss bei jedem unserer Besuche ist die Wanderung von Mers-les-Bains nach Bois-de-Cise. Bei fast jedem Wetter.

Für die knapp vier Kilometer sollte man viel Zeit einplanen, zum einen wegen etlicher Höhenmeter, die zu überwinden sind, mitunter auf ziemlich steilen Wiesen, zum anderen wegen der grandiosen Aussicht, die einen immer wieder anhalten und einfach nur schauen lässt.

Steilküste zwischen Mers-les-Bains und Bois-de-Cise (c) Michael Kneffel

Beginnend an der Statue „Notre Dame de la Falaise“, die hoch oberhalb von Mers-les-Bains steht, führt ein spektakulärer Fußweg immer am Rand der Klippen entlang nach Bois-de-Cise.

Nur wenige Meter neben dem Fußweg geht es an manchen Stellen bis zu 100 Meter senkrecht abwärts. In den Kreidefelsen leben jede Menge Seevögel, die sich hier gut beobachten lassen und ihrerseits auch gern ein Auge auf die Wanderer werfen. Das Meer unterhalb der Felsen leuchtet vom ständig abbröckelnden und sich auflösenden hellen Kalkstein in einem fast unwirklich schönen Blau-Grün. Auf der anderen Seite des Weges erstrecken sich im Sommer anfangs große Getreidefelder, später satte grüne Weiden. Ab und zu muss ein Zaun an vorbereiteten Über- oder Durchgängen überwunden werden, und gelegentlich muss man eine Herde gutmütiger Rindviecher entweder durchqueren oder weitläufig umgehen – je nach Mentalität und Mut.

Villen in Bois-de-Cise (c) Michael Kneffel

Bois-de-Cise wurde ebenso wie Mers-les-Bains auf dem Reißbrett als Sommerfrische geplant und ab 1898 in relativ kurzer Zeit in einem bewaldeten, langen Tal erbaut, das sich zum Meer öffnet. Bis heute ist Bois-de-Cise eher eine Feriensiedlung, bestehend aus repräsentativen Belle-Époque-Villen, als ein lebendiger Ort mit entsprechender Infrastruktur. Außerhalb der Hauptsaison begegnet man hier nur wenigen Menschen, und es empfiehlt sich, ausreichend Verpflegung und Wasser für die Wanderung einzupacken. In den Hauptferienmonaten hat dagegen auch das Restaurant des Ortes geöffnet und gelegentlich findet ein Flohmarkt oder ein kleines Fest im Freien statt.

(Fortsetzung folgt.)

Die Küste der Picardie – eine Küste für Entdecker

Steilküste bei Mers-les-Bains (c) Michael Kneffel

Auf dem Weg zur Küste der Picardie im Frühjahr: Dicke weiße Wolken mit grauen Bäuchen vor einem hohen blauen Himmel, darunter eine weite, sanft gewellte Landschaft mit blühenden Rapsfeldern. Ein Bauer betrachtet versunken ein Fahrrad, das an einer Hauswand lehnt. Eine alte Frau schneidet Löwenzahn am Straßenrand. Mehr scheint mittags nicht los zu sein in der Picardie. Eine Landschaft wie im Dornröschenschlaf. Orte, die in kaum einem Reiseführer vorkommen. Weite, Stille, Unaufgeregtheit. Schon bevor wir das Meer sehen, stellt sich Entspannung ein.

In den letzten Jahren hat sich die Küste der Picardie zu einem unserer Lieblingsreiseziele in Frankreich entwickelt. 500 Km, keine ganze Tagesreise, trennen den 70 Kilometer langen Küstenstreifen am Ärmelkanal vom Ruhrgebiet. Zwischen den Badeorten Mers-les Bains und Fort-Mahon-Plage gibt es Landschaften zu entdecken, die unterschiedlicher kaum sein können: eine Steilküste mit imposanten Kreideklippen im Süden, scheinbar endlose Sandstrände hinter weitläufigen Dünen im Norden und dazwischen die Bucht der Somme, eine der schönsten Buchten der Welt, wie enthusiastische Zeitgenossen vor Ort behaupten.

in der Bucht der Somme (c) Michael Kneffel

In diesem Landstrich, um den die großen Touristenströme aus Deutschland und den Beneluxländern einen Bogen machen, hat sich vieles von dem gehalten, was wir an Frankreich lieben und was in anderen französischen Regionen mehr und mehr verschwindet: authentisches Alltagsleben anstelle einer folkloristischen Kulisse für wenige Urlaubswochen, unverbrauchte Landschaften anstelle von touristischen „Hotspots“, die von wuchernden Gewerbegebieten eingekreist werden und im Verkehr ersticken, unaufdringliche Herzlichkeit anstelle von professioneller Freundlichkeit, die vor allem auf die Portemonnaies der Gäste zielt. Wer das „alte“, „typische“ Frankreich sucht, wird heute im hohen Norden leichter fündig als in den beliebten Feriengebieten im Süden und kann hier viele positive Überraschungen erleben.

(Fortsetzung folgt.)

weiter Strand bei Quend-Plage-les-Pins (c) Michael Kneffel

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 8

08. Tag, Sonntag, 15.05.2011, Crepy-en-Valois – Saint-Germain-lès-Corbeil, 110 Km, 9:00-19:00 Uhr

Der Tag beginnt mit einem Hotelfrühstück, dem die Croissants und das Baguette fehlen. Der Bäcker hat noch nicht geliefert . Ich halte mich an Zwieback und Obst. Auf der Straße ist es wieder sehr windig und kühl. Als es auch noch zu regnen anfängt, habe ich alles an, was warm und trocken halten kann. Über Ormoy-Villers, wo ich etwas Obst kaufe, Nanteuil-le-Haudouin, Lagny-le-Sec, St.-Mard und St.-Mesmes nähere ich mich Paris unter einer endlosen Prozession von Fliegern, die von Osten her den Flughafen Charles-De-Gaulle ansteuern. Über mir sehe ich immer mindestens drei Maschinen am Himmel. Die flache Landschaft wird beherrscht von Getreide- und Maisfeldern. Die Dörfer dazwischen wirken menschenleer. Ich kann noch erkennen, wo es früher mal Geschäfte und Cafés gegeben hat.

In Gressy erreiche ich endlich den Canal de l´Ourcq, dessen Uferweg dafür gerühmt wird, Radfahrer schnell und komfortabel durch die nicht immer attraktiven Vorstädte in´s Zentrum von Paris zu bringen. Die ersten der über 20 Km Kanaluferweg fangen gut an. Zwei Spuren, glatter Asphalt. Eine Menge Radfahrer und Skater sind unterwegs. Nach wenigen Km lässt die Qualität des Weges aber kräftig nach, und er wird auf langen Abschnitten zur Marterstrecke für Rad und Fahrer. Kurzzeitig führt der Weg vom Kanalufer weg und durch ein Park- und Waldgebiet. Schilder und Markierungen sind hier Mangelware. Je näher ich dem Stadtzentrum komme, desto weniger andere Radfahrer sind zu sehen. Das Grün verliert sich, Gewerbeflächen und Brachen wechseln sich ab, und wenn ich Menschen sehe, sind sie dunkelhäutig und gehören nicht zu den Gewinnern der gesellschaftlichen Entwicklung in Frankreich. Am Abend möchte ich hier nicht unbedingt durchkommen. Einige Km vor dem Ende des Weges im Parc de la Vilette warnen mich Baustellenhinweise und Umleitungsschilder, dass es mit meinem Uferweg bald vorbei sein wird, da stehe ich auch schon zwischen Bauzäunen im Niemandsland. Keine weiterführenden Hinweise weit und breit. Ich schiebe über Baustellen, zwänge mich durch Absperrungen, konkurriere mit versprengten Fußgängern um schmalste Wege zwischen Metallzäunen und stehe plötzlich vor einer Treppe, die zur Metro hinunter führt und so riecht, als würde sie schon länger als öffentliches WC genutzt. Ich quetsche mich daran vorbei und stehe nach einigen Metern tatsächlich auf einer belebten Pariser Straße in der Nähe des Parks. Von hier bis zum Canal St. Martin, der mich nach Süden fast bis zur Seine bringen soll, ist nur noch ein kleiner Orientierungs- und Hindernisparcours zu überwinden, und schon erreiche ich den breiten Radweg, der den Kanal begleitet. Da am Canal sonntags Märkte aller Art abgehalten werden, ist dieser Weg zunächst nahezu lückenlos mit den Lieferwagen der Markthändler vollgestellt. Erst nach einigen Kilometern kommen Straßenabschnitte, die am Wochenende Fußgängern, Radfahrern und Skatern vorbehalten sind. Es ist inzwischen wieder sonnig und trocken, so dass ich mir einen Tisch vor dem Restaurant „L´Atmosphère“ suche, wo ich mir zur Feier des Tages einen großen Salat Nicoise und einen Weißwein bestelle. Der Wind ist allerdings immer noch so kräftig, dass er mir fast den Salat vom Teller bläst.

Beweisfoto. Ich war in Paris. (c) Michael Kneffel

Nach der späten Mittagspause möchte ich die Stadt so schnell wie möglich wieder verlassen. Über die Place de la Bastille fahre ich durch dichten Verkehr bis zur Seine und passe mich unterwegs dem offensiven Fahrstil der einheimischen Radler an, die in beachtlicher Zahl vor allem auf Mieträdern unterwegs sind. Auf dem südlichen Seine-Ufer schlage ich den Kurs Südost ein und komme besser voran als gedacht, zunächst noch auf Radwegen, später dann auf der Straße. Der Pariser Glanz verflüchtigt sich bald. Die Gegend wird immer schäbiger und staubiger. An Gewerbegebieten und Verladeeinrichtungen vorbei folge ich der Seine bis Choisy-le-Roi, wechsle auf das andere Ufer und fahre auf Hauptstraßen weiter bis Montgeron. Hier ist die Straße für ein Fest gesperrt. Auf Nebenstraßen gelange ich endlich in den Foret Domaniale de Sénart, ein Waldgebiet, das mir anzeigt, dass ich die Metropole hinter mir gelassen habe. Mit mir zusammen genießen viele Spaziergänger, Radler und Skater den späten Sonntagnachmittag im Grünen. Mein Hinterteil signalisiert allerdings, dass ich mir allmählich eine Bleibe für die Nacht suchen muss. Campingplätze habe ich bei meiner Vorbereitung auf die Tour in dieser Gegend keine entdeckt. Es läuft also wieder auf eine Hotelübernachtung hinaus. In Tigery entdecke ich an der Straße einen Hinweis auf ein Hotel, das allerdings komplett ausgebucht ist. Ich werde weiter geschickt nach Saint-Germain-lès-Corbeil und finde dort schließlich ein Etap-Hotel neben der Autobahn. Ich zahle noch weniger als am Vorabend, dafür ist das Zimmer aber auch deprimierend. Dass ich wieder bei McDonalds essen muss, hebt meine Stimmung auch nicht gerade.