Trouville-sur-Mer im Oktober

Bei dieser Aussicht hat man eigentlich gar keinen Grund, das Haus zu verlassen…

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Trouville-sur-Mer im Oktober © Michael Kneffel

… höchstens um eine Kleinigkeit zu essen…

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Trouville-sur-Mer im Oktober © Michael Kneffel

… den Normannen beim Buddeln im Schlick zuzugucken…

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

auf dem Strand von Houlgate © Michael Kneffel

… oder dem Calvados beim Wachsen.

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Apfelbäume im Pays d´Auge © Michael Kneffel

Man kann ihn natürlich auch schon fertig im regionalen Fachhandel einkaufen…

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Geschäft in Beuvron-en-Auge © Michael Kneffel

… oder doch nur in der Nachbarschaft um die Häuser ziehen…

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Trouville-sur-Mer im Oktober © Michael Kneffel

… vielleicht auch etwas die Reisekasse auffüllen…

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Trouville-sur-Mer im Oktober © Michael Kneffel

… aber auf dem Balkon ist es wirklich auch nicht schlecht.

Trouville im Oktober © Michael Kneffel

Trouville-sur-Mer im Oktober © Michael Kneffel

Sollen doch die anderen nasse Füße bekommen.

Einheimische beim Abendspaziergang © Michael Kneffel

Einheimische beim Abendspaziergang © Michael Kneffel

P.S.: In der Regel wird Trouville-sur-Mer in einem Atemzug mit Deauville genannt. Beide Städtchen an der Mündung der Touques liegen so nah beieinander, dass sie sich den Hafen und den Bahnhof teilen können. Und natürlich gibt es in Deauville einen wunderschönen langen Strand, imposante Luxushotels, prächtige Villen, das große Casino, die Pferderennbahn und etliche Geschäfte mit vielem, worauf betuchte Besucher aus der ganzen Welt auch im Urlaub nicht verzichten möchten. Am Wochenende füllt sich der Ort auch im Oktober mit Kurzurlaubern, vor allem aus Paris. Unter der Woche wirkt Deauville außerhalb der Saison(s) aber ziemlich verlassen. Das Leben spielt sich dann ganz überwiegend in Trouville ab. Und auch wer in Deauville wohnt, geht zum Essen mittags und abends lieber über die Touques in den Nachbarort. Hier ist die gastronomische Auswahl sowieso ungleich größer, es gibt mehr Geschäfte und ein ganz normales Alltagsleben – auch dann, wenn kaum noch Touristen zu sehen sind. Uns hat es dort im Oktober sehr gut gefallen.

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Biarritz – Liebe auf den zweiten Blick (Teil 1)

Auf unserer Fahrt nach Biarritz im äußersten Südwesten Frankreichs haben wir die Autobahn schon etwa fünfzig Kilometer vor unserem Zielort verlassen, um am Samstag vor Ostern nett zu Mittag zu essen und anschließend entspannt die Küstenstraße entlang zu bummeln. Nach dem Studium der Michelin-Karte haben wir uns für den kleinen Ort Léon entschieden, der durch einen Stern als sehenswert gekennzeichnet ist. Die Parkplätze des Ortes sind zu unserer Überraschung fast vollständig durch spanische PKW besetzt, und es dauert eine ganze Weile, bis wir eine Lücke finden und uns zu Fuß auf die Suche nach einem geeigneten Restaurant machen können. Irgendwo in Nordspanien muss ein Atomkraftwerk explodiert sein, und die gesamte Bevölkerung im Umkreis von 100 Kilometern ist über die Grenze nach Frankreich an die baskische Küste geflohen. Anders können wir uns kaum erklären, warum wir plötzlich von unzähligen spanischen Großfamilien umringt sind, deren Mitglieder aussehen, als hätten sie nur das mitnehmen können, was sie gerade auf der Haut trugen – vorzugsweise Trainingsanzüge und andere Kleidungstücke, in denen man es sich zu Hause gemütlich macht. In den Restaurants gibt es kaum noch freie Plätze, aber die Besitzer müssen mit dem spanischen Exodus gerechnet haben und sind voll auf Massenabfertigung eingestellt. Wir beschließen schnell, in einem anderen Ort unser Glück zu versuchen, und fahren irritiert weiter. Spanische Sätze rasseln und klingeln uns noch lange in den Ohren. Die Männer von jenseits der Grenze scheinen großen Wert darauf zu legen, im Umkreis von mindestens zwanzig Metern von jedem und jederzeit gut gehört werden zu können. Auf unserer Weiterfahrt machen wir noch eine weitere Entdeckung. In Nordspanien scheint eine besondere Form von Matriarchat im Straßenverkehr zu herrschen, wobei jeweils das älteste weibliche Mitglied der Großfamilie den Platz am Lenkrad für sich beanspruchen darf. In einer endlosen Karawane spanischer Autos zuckeln wir mit Tempo 30 von Küstenort zu Küstenort, machen uns schließlich über die letzten Reste unseres Reiseproviants her und hoffen nur noch, endlich Biarritz zu erreichen.

Die vermeintlich reizvolle Küstenstraße führt zuletzt durch ausgedehnte Industrie- und Gewerbegebiete von Bayonne und Anglet, und der Stadtrand von Biarritz ist nicht viel attraktiver als der von Bottrop oder Castrop-Rauxel. Als wir endlich vor unserer Unterkunft, dem Apartmenthaus Haguna von Pierre & Vacances in der Avenue de la Reine Victoria ankommen, wird uns schnell klar, dass an einem teuren Einstellplatz in der Tiefgarage unseres Hauses kein Weg vorbei führen wird. Biarritz scheint an diesem Osterwochenende vor Verkehr aus allen Nähten zu platzen, und freie Parkplätze sind im Stadtgebiet absolute Mangelware.

Unser Haus und unser Apartment überraschen uns positiv. Nur als wir ein Fenster zur Straße öffnen, beschleicht uns der Gedanke, dass es vielleicht doch keine gute Idee war, Ruhe und Entspannung in den Osterferien ausgerechnet in Biarritz suchen zu wollen. Die Stadt brummt, nein, sie röhrt. Der Verkehrslärm ist enorm. Und auch hier scheint ein Wettbewerb ausgetragen zu werden, den wir bereits aus unserem Heimatort kennen. Nur noch nicht so heftig. Während früher die brennendsten Fragen (dauer)pubertierender Führerscheininhaber lauteten: „Wer hat den Schnellsten? Wer hat den Stärksten?“, scheinen dieselben Menschen heute auf den Straßen vor allem eines demonstrieren zu wollen: „Ich habe den Lautesten!“ Alle Pariser Besitzer von Ferraris, Maseratis und ähnlichen Fahrzeugen scheinen sich dazu über Ostern in Biarritz versammelt zu haben. Den Vogel hat dann aber ein Motorradfahrer abgeschossen, der um zwei Uhr nachts mit geschätzten 120 Sachen an unserer Unterkunft vorbeigeschossen ist und dabei so einen Lärm entwickelt hat, dass uns die Vibration der Ohrenstopfen in unseren Gehörgängen geweckt hat. Bei geschlossenem Fenster! Das muss man erst mal schaffen.

Phantombild des nächtlichen Rasers © Michael Kneffel

Phantombild des nächtlichen Rasers © Michael Kneffel

Die Zweifel an der richtigen Wahl unseres Urlaubsortes verdichten sich fast zur Gewissheit, als wir am Ostersonntag bei der ersten Ortsbegehung in einem dichten Pulk von Spaniern und im Tempo einer Fronleichnamsprozession über die berühmte Strandpromenade des Ortes geschoben werden. Die spanischen Männer tragen immer noch Trainingsanzüge, einige ihrer Frauen aber haben die Frottee-Hausanzüge gegen kurze, dünne, vorzugsweise rote Kleidchen und Pumps mit mindestens 10 Zentimeter hohen Absätzen getauscht.  Am Ostersonntagmorgen. Bei eisigem Wind. Dazu haben manche von ihnen Makeup aufgetragen, als wollten sie an einem Dragqueen-Wettbewerb teilnehmen. Beschallt werden wir von einer riesigen Lautsprecheranlage neben dem Casino, die mühelos selbst die Iberer und die neben der Promenade dicht an dicht entlangröhrenden Autos und Motorräder übertönt. Über Ostern werden vor der Promenade die französischen Surfmeisterschaften ausgetragen, und fachkundige Kommentatoren preisen zwischen wummernden Disco-Bässen die sportlichen Leistungen auf den Wellen.

Ostertrubel am Strand von Biarritz © Michael Kneffel

Ostertrubel am Strand von Biarritz © Michael Kneffel

Wir fliehen Richtung Ortskern und landen schließlich an der Markthalle oben in der Stadt, wo sich eine ganz andere Szene versammelt hat. Frauen jenseits der 50, mindestens einmal zuviel geliftet und im Look ihrer Töchter, und ihre gleichaltrigen männlichen Begleiter in zu engen Lederjäckchen drängen sich zwischen der Halle und den Bars und Restaurants auf der anderen Straßenseite. Mit Weißwein- und Champagnergläsern in der Hand werden hier gute Laune und Reichtum demonstriert. Wir haben die Insassen der  Pariser Luxuskarrossen mit den lärmenden Auspuffanlagen gefunden, hätten darauf aber auch gut verzichten können und schwören uns innerlich, in diese Gegend der Stadt nie wieder einen Fuß zu setzen. Wo sind wir hier bloß hingeraten? Erste Gedanken an sofortige Abreise keimen in uns auf.

Gedämpft wird dieser Impuls allerdings von der Schönheit unzähliger Gebäude in dieser Stadt. Wir wissen oft gar nicht, wo wir zuerst hinsehen sollen. Prächtige Stadtvillen überall. Der Hochadel Europas hat sich in Biarritz ab der Mitte des 19. Jahrhunderts architektonisch verewigt, nachdem Napoléon III. seiner Gemahlin Eugénie eine imposante Residenz in dem vorher unbedeutenden Fischerort errichten ließ. Das Gebäude thront über dem Strand am nördlichen Ende der Promenade und dient heute als Luxushotel. Mit dem Adel kam der internationale Jetset und festigte ein Jahrhundert lang das Image eines  mondänen Badeortes. Rund um die kaiserliche Residenz entstanden Sommerwohnsitze, erst noch im imperialen Stil, dann im verspielten Jugendstil und schließlich im klareren art déco. Biarritz ist ohne Zweifel eine schöne Stadt. Wenn nur nicht dieser Rummel und Lärm wären.

Strandvilla in Biarritz © Michael Kneffel

Strandvilla in Biarritz © Michael Kneffel

Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen landen wir schließlich im Zentrum der Stadt im proppevollen Café La Coupole, einer traditionellen Brasserie an der Place Georges Clemenceau, wo gerade ein Kellner einen weiblichen Gast abkanzelt. Die junge Frau hatte sich in einem Gemisch aus Spanisch und Englisch darüber beschwert, dass sie nach ihrer Meinung zu lange auf ihr Getränk hatte warten müssen. Offensichtlich sind wir nicht die Einzigen, denen die spanische Oster-Invasion auf die Nerven geht. Als der Kellner grimmig auf uns zusteuert, rechnen wir mit dem Schlimmsten, werden aber angenehm überrascht. Nachdem wir unsere Bestellung in enem einigermaßen flüssigen Französisch aufgegeben haben, wandelt sich seine Miene, und wir werden sehr freundlich bedient. In den folgenden Tagen wird das La Coupole zu einer festen Anlaufstelle für uns, vor allem zur Frühstückszeit, aber auch zu anderen Tageszeiten immer wieder gerne.

Vielleicht wäre es aber gar nicht mehr dazu gekommen, hätten nicht die Massen von spanischen und Pariser Ostertouristen nahezu schlagartig die Stadt am Ostermontag verlassen. Plötzlich war alles anders, und für uns begann eine schöne Zeit in einer überaus angenehmen Stadt, in der es sehr entspannt zugeht. (Fortsetzung folgt.)

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Fondation Louis Vuitton – neue Aussichtsplattform für Paris

Fondation Luis Vuitton © Michael Kneffel

Fondation Louis Vuitton © Michael Kneffel

Als der französische Multimilliadär Bernard Arnault, Herrscher über den Luxusartikelkonzern LVHM Moet Hennessy -Louis Vuitton, vor acht Jahren die Stiftung Louis Vuitton gründete und den Stararchitekten Frank O. Gehry beauftragte, ein Haus für seine private Kunstsammlung in den Bois de Boulogne zu bauen, war schon klar, dass Paris eine neue spektakuläre Attraktion bekommen würde. Seit Oktober letzten Jahres ist das Gebäude mit dem Namen „Fondation Louis Vuitton“ eröffnet und zieht seitdem Massen kunstsinniger Touristen in den Park im Westen der Stadt. Wie ein Schiff unter vollen Segeln scheint die Konstruktion aus Glas, Stahl und Beton mit ihrem treppenartigen Brunnen an der Nordspitze in die weite See zu stechen.

Fondation Luis Vuitton © Michael Kneffel

Fondation Louis Vuitton © Michael Kneffel

Bei unserem letzten Parisbesuch im Dezember waren wir natürlich auch neugierig, buchten die Tickets vorab im Internet und nutzten den preiswerten Busshuttle (1 Euro pro Person) von der Haltestelle in der Avenue de Friedland, nur wenige Meter vom Arc de Triomphe entfernt. Wir hatten Glück und bekamen gleich im ersten Bus zwei Plätze. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Busse sind klein und der Andrang ist beachtlich. Auch die Schlange am Eingang der neuen Sehenswürdigkeit konnten wir dank unseres Onlinetickets links liegen lassen und sofort zuerst den Park und dann das spektakuläre Architekturobjekt entern. Kaum im Gebäude angekommen zog es uns – wie die meisten anderen Besucher – schnell wieder über eine der vielen Treppen nach draußen. Auf verschiedenen Ebenen bieten zahlreiche Plattformen interessante Perspektiven in die Außenhülle des Gebäudes – und natürlich auf Paris!

Fondation Luis Vuitton © Michael Kneffel

Fondation Louis Vuitton © Michael Kneffel

Über den Nordteil des Bois de Boulogne hinweg geraten immer wieder die Hochhäuser von La Defense mit der Grand Arche in den Blick, in der Gegenrichtung ist der Eiffelturm zu sehen und animiert die Besucher zu unzähligen Fotos und Selfies.

Fondation Luis Vuitton © Michael Kneffel

Fondation Louis Vuitton © Michael Kneffel

Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass die meisten Besucher weniger am Inhalt als vielmehr am Gebäude selbst und der Aussicht auf die Stadt interessiert waren. Uns ging es ähnlich, zumal die Ausstellungsräume zwar viel teure Kunst bargen, aber Wolfgang Tillmanns, Alberto Giacometti, Nam Jun Paik, Sigmar Polke und Thomas Schütte – um nur einige Künstler der aktuellen Ausstellung zu nennen -, wirkten schon etwas beliebig zusammengestellt und sind auch anderswo nicht gerade selten zu sehen.

Die Hauptattraktion ist zur Zeit noch das Gebäude, eine begehbare Großskulptur mit schöner Aussicht auf Paris.

Fondation Luis Vuitton © Michael Kneffel

Fondation Louis Vuitton © Michael Kneffel

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Poilhes – Idylle am Canal du Midi

„Ob an der Küste oder im Hinterland, in der Ferienregion Languedoc-Roussillon herrscht ein heiteres Lebensgefühl, das Gäste auf Anhieb in den Bann zieht. Am Strand, in Bistros und Restaurants, auf Märkten und bei Festen, überall herrscht diese typische Art de vivre, die den Urlaub im Süden Frankreichs so bereichert.“ So hat die PR-Agentur Ducasse / Schetter, spezialisiert auf die Vermarktung von Reisezielen in Frankreich und der Schweiz, unlängst das Languedoc-Roussillon beschrieben. Schon vorher hatten wir diese Region im Süden Frankreichs für unseren diesjährigen Frühjahrsurlaub ausgesucht. Nach fünfzehn Jahren wollten wir noch einmal vor allem die Gegend am Canal du Midi durchstreifen – überwiegend mit dem Rad. Als Ausgangspunkt für unsere Streifzüge hatten wir das kleine Örtchen Poilhes ausgesucht. Und das war ein großer Glücksgriff.

der Canal du Midi in Poilhes © Michael Kneffel

der Canal du Midi in Poilhes © Michael Kneffel

Direkt am Canal gelegen wirkt das Weinbaudörfchen ein wenig wie aus der Zeit oder einem Bilderbuch gefallen. Große alte Wirtschaftsgebäude zeugen vom Reichtum ansässiger Weinbauern, die Wohnhäuser machen einen sehr gepflegten Eindruck. Es gibt ein kleines, altes Chateau im Dornröschenschlaf, dessen Dach gerade renoviert wurde, eine leicht zu übersehende, aber nicht zu überhörende Kirche, deren Glocke zu jeder Viertelstunde schlägt, und ein bemerkenswert gut sortiertes winziges Lebensmittelgeschäft, in dem sich alles findet, was man für die Grundversorgung benötigt. Souverän geführt wird der Laden von einer freundlichen alten Dame, weit im Rentenalter, aber mit einer so würdevollen Haltung und korrekten Sprache, dass es nicht verwundern würde, wenn sie früher einmal die benachbarte Grundschule geleitet hätte. Dort wird immer noch unterrichtet, und in den Pausen sind die Stimmen der Kinder auf dem Schulhof fast im ganzen Dorf zu hören.

gefiederte Einwohnerin von Poilhes © Michael Kneffel

gefiederte Einwohnerin von Poilhes © Michael Kneffel

Und während in vielen südfranzösichen Dörfern die alten Restaurants und Cafés längst für immer geschlossen haben, bietet Poilhes gleich drei Restaurants mit ambitionierter Küche. Die Lage am Kanal und das ständige Defilee von Hausbooten mit zahlungskräftigen Touristen sichern das Überleben. Hausbootfahrer, die von der Küste kommen und hier Station machen, sehen schon bei der Einfahrt ins Dorf die Terrasse des „Tour Sarrasine“ und müssen nach dem Anlegen nur noch – an der Dorfgans vorbei – eine schmale Straße überqueren, um dort Platz nehmen zu können. Die Speisekarte ist umfangreich, das Essen großartig, und die Preise sind mehr als fair. Drei Gänge in dieser Qualität muss man anderswo schon etwas länger suchen und bekommt sie garantiert nicht für dreißig Euro, sondern bestenfalls für das Doppelte. Drinnen ist das Restaurant elegant eingerichtet, Steifheit kommt trotzdem nicht auf, dafür sorgt die herzliche Besitzerfamilie, mit Mitgliedern aus drei Generationen. Clemence, die Jüngste, lernt gerade das Laufen. Der aus Liège stammende Kellner scheint in allen auf dem Canal vorkommenden Sprachen zu Hause zu sein und bringt die bunte, internationale Gästeschar mit Humor und Gelassenheit durch einen entspannten und genussreichen Abend.

das wunderbare kleine Restaurant Les Platanes in Poilhes © Michael Kneffel

das wunderbare kleine Restaurant Les Platanes in Poilhes © Michael Kneffel

Etwas versteckter im Ort, neben der Kirche, liegt ein völlig anderes, aber ebenso empfehlenswertes Restaurant, das „Les Plantanes“ von Amanda und Dave, zwei sympathischen Neuseeländern, die vor sieben Jahren nach Frankreich übersiedelt sind und sich vor einem Jahr in Poilhes niedergelassen haben. Ihre Speisekarte ist überschaubar, dafür wechseln die angebotenen Gerichte häufig. Mit frischen Zutaten aus der Region bietet „Les Platanes“ Klassiker der französischen Küche wie den gebackenen Camembert oder die Zwiebelsuppe in seltener Qualität und zu noch günstigeren Preise als die Konkurrenz im Ort. Aber auch das neuseeländische Dessert „Pavlova“ sollte man sich nicht entgehen lassen. Als Besitzer eines Chateaus am Atlantik, das gerade zum Verkauf steht, und eines Hauses in den Pyrenäen haben die beiden viel zu erzählen und lassen sich gern am Nachmittag auf einen kleinen Schwatz auf der Terrasse ihres Lokals ein. Angesichts des hohen Wohlfühlfaktors in beiden Restaurants haben wir es gar nicht mehr bis zum dritten gastronomischen Anbieter geschafft. Am Rand des Ortes gelegen bietet das „Vinauberge“ neben Speisen auch Gästezimmer und verkauft Weine aus der Region.

Capestang mit der Kirche Saint Etienne © Michael Kneffel

Capestang mit der Kirche Saint Etienne © Michael Kneffel

Erster Anziehungspunkt außerhalb von Poilhes war für uns das nur vier Kilometer entfernte, ungleich größere und ebenfalls am Canal gelegene Capestang. Am Sonntag zieht der große Wochenmarkt sehr viele Menschen an. Unter der Woche wirkt der Ort mit seiner weithin sichtbaren, immer wieder erweiterten, imposanten Kirche jedoch merkwürdig unbelebt, was er mit vielen anderen Dörfer und Städten gemein hatte, die wir noch besuchen sollten. Auf Naturliebhaber, insbesondere Vogelfreunde, müsste Capestang eigentlich eine starke Anziehungskraft ausüben. Südlich der Stadt liegt der sogenannte Etang de Capestang, ein versumpfter, von mehreren Kanälen und einigen Wegen durchzogener ehemaliger See mit großen Schilfgebieten. Als wir ihn auf einer unserer Fahrradtouren eher zufällig durchquerten, sahen wir schon mit bloßem Auge so viele Störche, Reiher und andere Wasser- und Watvögel, die wir nicht identifizieren konnten, dass wir mit Hobbyornithologen in großer Zahl und von überall her rechneten. Weit gefehlt! Im Tourismusbüro von Capestang sah uns die freundliche Mitarbeiterin ziemlich verständnislos an, als wir nach Wanderwegen und geführten Touren durch dieses Gebiet fragten. Und auch andere Menschen, die vor Ort leben, fanden unsere Berichte von den Tieren im Etang sehr interessant, gestanden aber, noch nie dort gewesen zu sein. Etwas weiter ist man am Etang de Vendres, der etwa 15 Kilometer weiter südöstlich und damit unmittelbar vor der Küste liegt. Hier gibt es immerhin schon einen großen Beobachtungsstand mit einigen Informationen zu den dort anzutreffenden Vögeln. Dass in den Weinfeldern der Gegend unzählige Bienenfresser leben und fliegen, sei nur am Rande erwähnt.

im Beobachtungsstand am Etang de Vendres © Michael Kneffel

im Beobachtungsstand am Etang de Vendres © Michael Kneffel

Nicht viel weiter als Capestang, aber in östliche Richtung, liegt der etwas kleinere Ort Colombiers am Canal du Midi. Auf dem Weg dorthin ist der Kanaltunnel von Malpas zu besichtigen, ebenso wie das Oppidum d´Ensérunes – berühmte gallische Siedlungsreste, auf einem Hügel gelegen. Das benachbarte Informationszentrum von Malpas bietet viele Modelle, Karten und Reliefs und ein großes Literaturangebot zum Weltkulturebe Canal du Midi und zur Region. Durch den Bau eines großen Hafens im Jahr 1989 hat sich Colombiers zu einem Zentrum des Hausboottourismus entwickelt. Schön ist was anderes. Als wir mit unseren Rädern etwas irritiert im Rummel des Hafens standen und die hässlichen Zweckbauten betrachteten, fragte uns eine ältere Dame – offensichtlich aus dem Ort – was wir suchten und ob sie uns helfen könne. Auf unsere etwas ironische Antwort, wir suchten den Ort, hob sie resignierend die Schultern und entgegnete, es sei halt praktisch und einen Arzt gebe es auch. Wie viele Planungs- und Bausünden sind wohl schon mit dem Satz: „Es ist halt praktisch“, begründet worden?

im Hafen von Colombieres © Michael Kneffel

im Hafen von Colombieres © Michael Kneffel

Von unserem ersten Besuch am Canal du Midi vor 15 Jahren hatten wir das kleine Le Somail, etwa zwanzig Kilometer weiter westlich, in bester Erinnerung. Und auch heute noch wird der Ort in jedem Führer als Schönheit am Kanal beschrieben. Uns hat das Wiedersehen eher enttäuscht. Zu der malerischen Ansiedlung weniger Häuser an der alten Brücke hat sich eine große Neubausiedlung gesellt, die sich scheinbar planlos in die Landschaft ausdehnt. Neu hinzugekommene Gastronomie und ein großer Parkplatz für Wohnmobile haben auch nicht gerade den Charme des Ortes erhöht. Da gefiel es uns schon wesentlich besser am benachbarten Canal de Jonction, der den Canal du Midi als Verbindungskanal mit der Küste bei Narbonne verbindet und von herrlichen Pinien gesäumt wird. Wer mit dem Hausboot auf dem Canal du Midi unterwegs ist, sollte sich den Abstecher nach Sallèles-d´Aude nicht entgehen lassen. Auch wenn der Ort selbst bei unserem Besuch nahezu ausgestorben wirkte, gehören die dortigen Liegeplätze zu den schönsten, die man weit und breit ansteuern kann.

Hausboot in Sallèles-d´Aude © Michael Kneffel

Hausboot in Sallèles-d´Aude © Michael Kneffel

umgebaute Lastkähne in Sallèles-d´Aude © Michael Kneffel

umgebaute Lastkähne in Sallèles-d´Aude © Michael Kneffel

Es stimmt also, dass sich immer noch wunderschöne Dörfer und Landschaften in diesem Teil des Südens finden lassen. Auf der anderen Seite ist aber auch hier nicht zu übersehen, dass sich Frankreich in einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise befindet und dass vielen Menschen das „heitere Lebensgefühl“, von dem eingangs die Rede war, abhanden gekommen ist. In zwei Wochen haben wir Armut, Elend und die Verödung von Städten in einem Ausmaß erlebt, wie wir es bisher nicht für möglich gehalten hätten. Wir sahen erschreckend viele Menschen, die vor einer karitativen Einrichtung um Lebensmittel anstanden, eine Familie mit Kind, die in Narbonne auf der Straße lebt, Dutzende von Frauen, die sich an der Landstraße zwischen Bèziers und Narbonne prostituierten. Das und einiges mehr hat uns sehr nachdenklich gemacht und ließ uns ahnen, warum gerade hier der rechtsradikale Front National bei der jüngsten Europawahl in vielen Kommunen weit über dreißig Prozent der Wählerstimmen bekommen hat.

aufgegebene Boulangerie in Sallèles-d´Aude © Michael Kneffel

aufgegebene Boulangerie in Sallèles-d´Aude © Michael Kneffel

 

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Nichts ist vergessen – der D-Day 1944 in der Normandie

Vor vierundzwanzig Jahren verbrachten wir unseren Sommerurlaub mit Zelt und Fahrrad in der Normandie. Von Jumièges an der Seine radelten wir entlang der Küste bis nach Barneville-Carteret auf der Halbinsel Cotentin und von dort durch das Landesinnere zurück zu unserem Ausgangspunkt. Wir hatten eine großartige Zeit in herrlichen Landschaften und an malerischen Orten. Immer wieder trafen wir allerdings auch auf Soldatenfriedhöfe, auf Gedenktafeln für von Deutschen erschossene Zivilisten und auf viele Hinterlassenschaften des 2. Weltkriegs. Besonders an den Küstenabschnitten, wo 1944 die Alliierten gelandet waren, um Europa von Nazi-Deutschland zu befreien, und wo viele regionale, oftmals improvisiert wirkende Kriegsmuseen große Scharen von Besuchern anzogen, fühlten wir uns als Deutsche manchmal fehl am Platze und vermieden es zuweilen sogar, deutsch zu reden. Zwischen all den Franzosen, Engländern, Niederländern und Touristen aus anderen Ländern, die ihre begeisterten Kinder auf alte Panzer und Geschütze klettern ließen, machten sich Gefühle von Scham und Schuld bemerkbar, die wir so kaum kannten.

Grab auf dem kanadischen Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Grab auf dem kanadischen Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Fast schon am Ende unseres Urlaubs betraten wir zum ersten Mal einen der vielen Soldatenfriedhöfe im Hinterland. Es war schon spät am Tag, und wir waren allein auf der überaus gepflegten Anlage mit den hunderten von weißen Grabsteinen. Bald hinter dem Eingang stand ein kleines Haus, in dem ein gebundenes Buch auslag, in das sich Besucher eintragen konnten. Es war fast bis zu den letzten Seiten vollgeschrieben. Angesichts des beachtlichen Umfangs des Buches waren wir sicher, dass es schon seit langer Zeit dort liegen musste. Als wir zurückblätterten, stellten wir jedoch fest, dass die ersten Eintragungen aus demselben Jahr stammten. Innerhalb eines halben Jahres hatten sich hier tausende von Besuchern eingetragen, von denen sehr viele aus Übersee stammten. Wir lasen die Namen von Menschen aus Kanada, Neuseeland, Australien und vielen anderen Nationen aus der ganzen Welt. Die Erkenntnis, dass fast fünfzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg immer noch so viele Menschen enorme Entfernungen zurücklegten, um allein diesen Friedhof zu besuchen, traf uns unerwartet und heftig. Uns wurde schlagartig bewusst, wie lebendig die Erinnerung an die Opfer des von Deutschen entfesselten Krieges in weiten Teilen der Welt noch immer war, in wie vielen Familien noch immer an Angehörige gedacht wurde, die hier ihr Leben gelassen haben. Das war eine andere Erinnerungskultur als wir sie aus Deutschland kannten: pflichtgemäßes Gedenken nach Kalender in offiziellen Feierstunden, aber kaum irgendwo persönliches Erinnern oder Reden über die Kriegsjahre im Familienkreis. Jedenfalls nicht in unseren Familien.

In knapp einem Monat, am 6. Juni, dem sogenannten D-Day, wird sich die Landung der Alliierten in der Normandie zum 70. Mal jähren. An den zentralen Jubiläumsfeierlichkeiten in Ouistreham werden der amerikanische Präsident Obama, die englische Königin und zahlreiche andere Staatsoberhäupter teilnehmen. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Merkel ist eingeladen. Seit Monaten laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. An der Küste und weit im Hinterland sind die Hotels, Ferienhäuser, Gästezimmer und Campingplätze für die ersten Juni-Tage ausgebucht.

Schon lange wollte ich noch einmal die Landungsküste der Normandie bereisen und den Soldatenfriedhof suchen, der mich 1990 mehr als viele Bücher und Filme hat verstehen lassen, welche Wunden ein Krieg reißt und wie langsam sie verheilen. Vor einigen Tagen habe ich mich aufgemacht.

verkümmerter Baum über dem Omaha Beach © Michael Kneffelaum über dem Omaha

verkümmerter Baum über dem Omaha Beach © Michael Kneffel

Meine Reise in die Vergangenheit beginnt wie der amerikanische Spielfilm „Der Soldat James Ryan“ auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof von Collevillle-sur-Mer. Ursprünglich wollte ich in Ouistreham beginnen und die gesamte Landungsküste bis Sainte-Mère-Église abfahren. Aber kurz vor der Abfahrt hatte ich das Gefühl, dass das Erinnern Ruhe und Stille benötigt und ich wenigstens am Anfang die größeren Orte meiden sollte. Als ich am frühen Abend Colleville-sur- Mer erreiche, ist der „Normandy American Cemetery“ bereits geschlossen. Ich lasse das Auto am Ortsrand stehen und laufe hinab zum Strand, dem berühmten Landungsabschnitt „Omaha Beach“. Außer dem Wind, dem Meer und einigen Singvögeln ist nichts zu hören. Weit in der Ferne sehe ich Menschen am Strand. Nach über acht Stunden Autofahrt ist die Ruhe wohltuend. Ich steige vom Strand an einem Ehrenmal vorbei zum Parkplatz des Friedhofs hinauf, auf dem nur noch einige Wohnmobile stehen, und laufe zurück zum Ort. Gegenüber dem vor einem Jahr eröffneten privaten „Overlord Museum“ hat ein kleines Hotel geöffnet. Der kleine Ort selbst mit seinen grauen Natursteinmauern wirkt nahezu ausgestorben. Großformatige Fotos zeigen die Zerstörungen im Jahr 1944. Bei Einbruch der Dunkelheit tritt eine Frau aus einem Haus auf die Straße und ruft ihre Kinder nach Hause. Ich beschließe, im etwa sieben Kilometer entfernten Port-en-Bessin-Huppain auf Quartier- und Nahrungssuche zu gehen.

die Kirche von Colleville-sur-Mer 2014 und 1944 © Michael Kneffel

die Kirche von Colleville-sur-Mer 2014 und 1944 © Michael Kneffel

Nach meinem Frühstück im Café du Port unternehme ich einen kurzen Rundgang durch den Fischerei-Hafen. Der ganze Ort ist bereits auf das anstehende Jubiläum eingestimmt. Kein Schaufenster ohne D-Day-Dekoration. Kurz nach neun Uhr erreiche ich wieder den Friedhof in Colleville-sur-Mer und nach dem Passieren einer Sicherheitsschleuse mit Gepäckkontrolle darf ich das moderne Besucherzentrum betreten. Auf zwei Etagen wird hier durch Exponate, Informationstafeln und Filme über die Kämpfe und Opfer im Sommer 1944 informiert. Das hat Stil und unterscheidet sich stark von vielen privaten Museen in der Region.

im Besucherzenttrum des Normandy American Cemetery in Colleville-sur-Mer © Michael Kneffel

im Besucherzentrum des Normandy American Cemetery in Colleville-sur-Mer © Michael Kneffel

Über einen Weg mit Blick auf den Strand erreiche ich die riesigen Gräberfelder für 9387 amerikanische Soldaten und das Mahnmal für 1557 Vermisste. Noch sind erst wenige Besucher auf dem Gelände, einige Paare und Familien. Manche werden anscheinend von persönlichen Führern begleitet. In der Nacht und am Morgen hatte es geregnet, aber jetzt reißen ab und zu die Wolken auf und Sonne fällt auf gepflegte Wiesen, akkurat geschnittene Bäume und makellose schneeweiße Kreuze aus einem marmorähnlichen Material.

Gräber auf dem Normandy American Cemetery in Colleville-sur-Mer © Michael Kneffel

Gräber auf dem Normandy American Cemetery in Colleville-sur-Mer © Michael Kneffel

Ich betrachte das Mahnmal und besuche die kleine Kapelle in der Mitte des Friedhofs, während immer mehr Besucher eintreffen, Menschen jeden Alters, große Gruppen, die mit Bussen angereist sind, Schulklassen, amerikanische und französische Soldaten in Uniform. Einige nehmen den Weg zum Omaha Beach hinunter, wo sich die Reste eines Landungsbootes in Rost auflösen. Als ich den Friedhof gegen Mittag verlasse, hat sich vor der Sicherheitsschleuse des Besucherzentrums eine Warteschlange gebildet, die Parkplätze für PKW und Busse sind komplett gefüllt. Nach meiner Schätzung haben allein an diesem Diensttagvormittag im Mai mehrere hundert Menschen den Friedhof besucht, mindestens die Hälfte von ihnen aus den USA.

Reste eine Landungsbootes am Omaha Beach © Michael Kneffel

Reste eines Landungsbootes am Omaha Beach unterhalb des Normandy American Cemetery © Michael Kneffel

Gefüllt mit amerikanischen Touristen haben sich auch die Restaurants in Port-en-Bessin-Huppain, wo ich am Hafen zu Mittag esse. Die Lokale haben sich auf ihre ausländischen Gäste eingestellt. Neben traditionellen französischen Gerichten finden sich auch Fish and Chips auf den Speisekarten. Es hat den Anschein, als würden die Besucher der Landungsstrände, Friedhöfe und Mahnmale der Region eine fast ganzjährige Saison bescheren. In diesem Jubiläumsjahr dürfte die Zahl der Besucher allerdings noch einmal gewaltig steigen.

Am Nachmittag fahre ich etwa elf Kilometer weiter nach Arromanches-les-Bains, das durch den künstlichen Hafen mit dem Namen „Mulberry B“ berühmt geworden ist, den das englische Militär unmittelbar nach dem D-Day angelegt hat. 220.000 Soldaten und riesige Mengen an Fahrzeugen und Material wurden hier bis Oktober 1944 an Land gebracht. Etliche Pontons der Hafenanlage sind noch am Strand und weiter draußen im Meer zu sehen. Ich erreiche den Ort bei strömendem Regen. Trotz des schlechten Wetters ist der Besucherandrang im Ort beachtlich.

ein englischer Lehrer mit seiner Klasse in Arromanches-les-Bains © Michael Kneffel

ein englischer Lehrer mit seiner Klasse in Arromanches-les-Bains © Michael Kneffel

Im Mittelpunkt stehen das Museum oberhalb des Strandes, etliche alte Geschütze und Panzer im Stadtgebiet, die Reste des künstlichen Hafens und nicht zuletzt mehrere Geschäfte mit allen möglichen Militaria, von der Gewehrkugel am Goldkettchen bis zur alten Thompson-Maschinenpistole für 270 Euro. Das Kinderkarussell vor dem Museum verstärkt den Eindruck eines Rummelplatzes. Wie viele Touristenhochburgen entwickelt auch Arromanches seinen Charme erst am Abend nach Abreise der Tagesgäste. Bei Ebbe und wieder trockenem Wetter unternehme ich noch einen langen Spaziergang am Strand und sehe mir einige der verfallenden Pontons an. Später komme ich in meiner Hotelbar mit älteren Engländern ins Gespräch, die auf den Spuren ihrer Väter die Küste bereisen. Dazu laufen im Hintergrund schöne alte Guinguette-Chansons.

Ponton des Hafens Mulberry B in Arromanches-les-Bains © Michael Kneffel

Ponton 449 des Hafens Mulberry B in Arromanches-les-Bains © Michael Kneffel

Von meinem Hotelfenster kann ich am nächsten Morgen beobachten, wie kleine Motorboote zwischen dem Strand und den weiter draußen liegenden Hafenelementen hin und her pendeln. Wahrscheinlich leeren Fischer ihre für Schalentiere ausgelegten Reusen. Es regnet gerade nicht, aber am Horizont ziehen bereits wieder tiefdunkle Wolken auf, und ich überlege lange, ob ich mir wirklich noch die gesamte Landungsküste bis Sainte-Mére-Èglise ansehen oder nur noch gezielt nach dem Soldatenfriedhof suchen soll, der mich vor vierundzwanzig Jahren so beeindruckt hat. Nach meinen Recherchen im Netz könnte es der kanadische Friedhof in Beny-sur Mer gewesen sein, der keine zwanzig Kilometer entfernt ist. Die Wettervorhersage ist alles andere als verlockend, und so entschließe ich mich, meine Reise in die Vergangenheit abzukürzen und direkt dorthin zu fahren. Noch vor neun Uhr erreiche ich den Parkplatz des Friedhofs, der etwa drei Kilometer außerhalb des Ortes liegt. 2013 Soldaten wurden hier bestattet. Die meisten von ihnen starben am ersten Tag der Invasion oder kurz darauf beim Vorstoß in Richtung Caen. Der Zugang zum Friedhof sieht anders aus, als ich ihn in Erinnerung behalten hatte. Gerade als ich aus dem Auto steigen will, öffnet der Himmel alle Schleusen und enorme Regenmengen prasseln herunter. Zwei Besucher lassen sich vom Wolkenbruch nicht abhalten und betreten den Friedhof. Wenig später folgen ihnen zwei weitere Personen. Ich ziehe alle Jacken an, die ich dabei habe, nehme meinen Schirm und mache mich ebenfalls auf den Weg. Hier gibt es keine Sicherheitsschleuse. Alles ist Tag und Nacht frei zugänglich.

der kanadische Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

der kanadische Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Die Torhäuser am Eingang kommen mir bekannt vor. Im rechten treffe ich auf die beiden zuletzt gesehenen Besucher. Der ältere von beiden stellt sich als Engländer vor. Er begleitet seinen kanadischen Verwandten, der nach Europa gekommen ist, um das Grab seines Großvaters zu besuchen, der im ersten Weltkrieg bei Passchendaele in Belgien gefallen ist. Gemeinsam haben beide anschließend noch weitere Friedhöfe besucht, unter anderem den deutschen Soldatenfriedhof in flandrischen Langemarck. Nun stehen wir zusammen auf einem kanadischen Friedhof in Frankreich, reden über den Wahnsinn zurückliegender Kriege und die aktuellen Vorgänge in der Ukraine. Als hätten die Menschen nichts dazugelernt, sagen beide, bevor sie sich verabschieden. Der Regen hört so schlagartig auf, wie er begonnen hat. Kaum bricht die Sonne zwischen den Wolken hervor setzten zwei Gärtner ihre Rasenmäher in Betrieb, und immer neue Besucher erscheinen. Ich bin mir inzwischen sicher, dass ich den Friedhof von 1990 wiedergefunden habe.

Besucher auf dem Weg zum kanadischen Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Besucher auf dem Weg zum kanadischen Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Das dicke gebundene Besucherbuch von damals ist allerdings einem dünnen Ringbuch gewichen, dessen vollgeschriebene Blätter schon nach kurzer Zeit entnommen zu werden scheinen. Die ältesten Eintragungen sind noch keine zwei Wochen alt. Seitdem wurden etwa zwölf Blätter beschrieben, meist von Kanadiern und Franzosen. Eine Französin jenseits der Sechzig, die von einem Herrn in den Achtzigern begleitet wird, spricht mich an. Beide suchen das Grab eines Mannes aus dem kanadischen Zweig ihrer Familie und halten mich offensichtlich für einen Mitarbeiter der Common Wealth War Graves Commission, die für die Unterhaltung und Pflege der Anlage zuständig ist. Mit der Hilfe des ausliegenden Registers finden wir sehr schnell das Grab. Ich begleite die beiden dorthin, und unterwegs fällt mir auf, dass auf vielen Gräbern ganz unterschiedliche Blumen blühen. Außer rotem Mohn und Tulpen sehe ich vor allem Lilien neben den Kreuzen. Dieser Blumenschmuck geht deutlich über eine zentral organisierte Kriegsgräberpflege hinaus. Hier scheinen sich regelmäßig viele Menschen zusätzlich und individuell um die Gräber zu kümmern.

Besucherbuch auf dem kanadischen Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Besucherbuch auf dem kanadischen Soldatenfriedhof in Beny-sur-Mer © Michael Kneffel

Als ich den Friedhof gegen Mittag verlasse und den Heimweg antrete, habe ich viele andere Besucher gesehen. In das Besucherbuch hat sich von ihnen niemand eingetragen. Das scheinen nur wenige zu machen. Landsleute habe ich in den zurückliegenden drei Tagen übrigens keine getroffen.

 

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Louvre Lens – edles Kunstschaufenster in Frankreichs Norden

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Louvre Lens © Michael Kneffel

Wem der Pariser Louvre, das größte Museum der Welt, mit seinen 300.000 Exponaten auf 60.000 qm, seinen 17 Abteilungen auf vier Etagen und seinen scheinbar unzähligen Räumen und Gängen so viel Respekt einflößt, dass er bisher lieber draußen geblieben ist, kann sich dessen Kunstschätzen seit fast einem Jahr in der neuen Außenstelle im nordfranzösischen Lens komfortabel annähern.

Zwar ist auch das neue Museum mit 28.000 qm nicht gerade ein Winzling, allerdings werden in seiner Dauerausstellung, die einen großen Teil dieser Ausstellungfläche einnimmt, gerade einmal 205 Meisterwerke aus 5 Jahrtausenden präsentiert. Alles ist luftig, hell, geräumig und leicht überschaubar. Bei unserem Besuch in der letzten Woche haben wir uns dort auf Anhieb wohl gefühlt.

Louvre Lens © Michael Kneffel

Louvre Lens © Michael Kneffel

Die riesige rundum verglaste Eingangshalle besticht durch ihre Helligkeit und die Aussicht in den umgebenden  20 Hektar großen Park. Das Gebäude für die Dauerausstellung dagegen ist völlig fensterlos, bekommt aber durch Oberlichter viel Licht und vermittelt durch Wände, die mit einer matten, leicht reflektierenden Aluminiumfolie beschichtet sind, ein Gefühl von  Weite.

Wie das Kunstmagazin „art“ den Louvre-Direktor Henri Loyrette im Dezember letzten Jahres zitierte, soll der Museumsableger  „den Pariser Louvre weder ersetzen noch komplementieren, sondern vorstellen“. Und in der Tat wirkte auf uns das neue Museum wie  ein edel gestaltetes Schaufenster, in dem sorgsam verlesene Kulturhäppchen Appetit auf mehr machen.

Louvre Lens © Michael Kneffel

Louvre Lens © Michael Kneffel

Nun wären 150 Millionen Baukosten allein für ein attraktives Schaufenster, das neue Besucher in das Pariser Stammhaus locken sollen, kaum vertretbar. Die Planer und Macher des Museums verfolgen erklärtermaßen aber auch die Absicht, einer armen und strukturschwachen Region – Lens gilt als die drittärmste Stadt des Landes – durch eine große Kultureinrichtung mit internationaler Ausstrahlung neues Leben einzuhauchen. Bilbao und das Ruhrgebiet gelten als Vorbild.

Nach den bisher veröffentlichten Zahlen dürften die für das Eröffnungsjahr erhofften 700.000 Besucher bis zum Jahresende erreicht werden. Während unseres Besuchs sind uns die vielen Familien aufgefallen, deren Kinder sich mit offenkundigem Interesse die Exponate ansahen. Auffallend war auch, dass die Fahrzeuge auf dem großen Parkplatz, den sich das Museum mit dem Fußballstadion teilt, überwiegend Kennzeichen aus der Region trugen.

Louvre Lens © Michael Kneffel

Louvre Lens © Michael Kneffel

Welche Anziehungskraft das Museum tatsächlich entfalten kann, wird sich allerdings erst nach Ablauf des ersten Jahres zeigen, wenn der Besuch nicht mehr kostenlos sein wird.

Und ob der Louvre in Lens jemals mehr als ein Schaufenster für das Stammhaus sein wird und ein eigenes Profil entwickeln kann, werden vor allem die Wechselausstellungen erweisen müssen. Unser Besuch fiel leider in einen Zeitraum, in dem keine temporären Ausstellungen gezeigt wurden. Erst im Dezember werden neue Präsentationen folgen. Ein guter Grund, auf einer der nächsten Fahrten nach Paris oder in andere Regionen des Landes erneut für einige Stunden im hohen Norden Station zu machen.

Louvre Lens © Michael Kneffel

Louvre Lens © Michael Kneffel

Sommerurlaub auf Quiberon 2 – Mitten im lebendigen Hauptort der Halbinsel

alter Hausgiebel in Quiberon © Michael Kneffel

alter Hausgiebel in Quiberon © Michael Kneffel

Was uns ursprünglich auf die Idee gebracht hat, unseren diesjährigen Sommerurlaub im Ort Quiberon und auf der gleichnamigen Halbinsel zu verbringen, können wir gar nicht mehr sagen. Vielleicht war es die überraschende Begegnung mit einem Hermelin, dem Wappentier des Ortes und der gesamten Bretagne, das plötzlich über eine Hafenmauer lief, als wir Quiberon vor vielen Jahren einen Kurzbesuch abstatteten. Damals trauten wir unseren Augen nicht, und erst als wir später noch einmal einen dieser kleinen Marder an einem gut besuchten Strand in der Nähe von Concarneau sahen, waren  wir bereit, auch die erste Begegnung für real zu halten.

Um es gleich vorweg zu sagen, die Entscheidung für unseren diesjährigen Urlaubsort haben wir in keiner Sekunde bereut. Schon unsere Unterkunft, die Ferienresidenz „Maeva“, ein Appartementhaus mit 66 Zimmern, erwies sich als Glücksfall. Nicht unbedingt wegen der Ausstattung, sondern vor allem wegen der Lage – in unmittelbarer Nähe des alten Ortskerns bei der Kirche und trotzdem sehr ruhig. Bäcker, Cafés, Restaurants, Fisch- und Lebensmittelgeschäfte, ein guter Traiteur…  alles innerhalb von drei Minuten zu Fuß zu erreichen. Der große Wochenmarkt und ein Supermarkt gleich um die Ecke. Bekleidungsgeschäfte mit allem, was der Sommerurlauber in der Bretagne und / oder in dieser Saison so tragen soll, kaum weiter entfernt.

Blick auf den Hauptstrand von Quiberon am frühen Abend © Michael Kneffel

Blick auf den Hauptstrand von Quiberon am frühen Abend © Michael Kneffel

Bis zum beliebten Hauptstrand des Ortes und zur rummeligen Promenade waren etwa 600 Meter zu laufen. Dort geht es ums Sehen und Gesehen-Werden. Die ersten 100 Meter des Strandes waren fest in der Hand von Teenies und denen, die gern noch welche wären. Angesagte Strandmode, coole Sonnenbrillen und braune Haut so dicht an dicht wie die Sardinen in den Dosen, für die Quiberon berühmt ist. Anschließend Strandbars für die älteren Semester mit den größeren Portemonnaies und nach zwei-, dreihundert Metern endlich der Strandabschnitt für diejenigen, die vor allem baden wollen. Unsere Lieblingsstrände lagen noch etwas weiter entfernt, aber immer  im Umkreis von zwei Kilometern – mit unseren Fahrrädern überhaupt kein Problem. Am besten hat uns der kleine, gepflegte Strand von Porigo unmittelbar neben dem Hafen Haliguen gefallen.

familiäre Atmosphäre am Strand von Porigo  © Michael Kneffel

familiäre Atmosphäre am Strand von Porigo © Michael Kneffel

Wer keine eigenen Fahrräder dabei hat, kann in mehreren Fahrradgeschäften welche ausleihen. Wir empfehlen dafür das kleinste Fahrradgeschäft im Ort, direkt neben der großen Post. Gleich am ersten Tag hat uns hier ein  freundlicher älterer Herr den Schleichplatten an einem unserer Falträder  repariert und Tage später eine gebrochene Speiche. Das geschah jeweils bei bester Laune und dauerte nicht länger, als wir brauchten, um in der benachbarten Bar „Le Galopin“ einen Café zu trinken. Die unspektakuläre Bar hat uns vom ersten Moment an gefallen. Hier verbringen viele Geschäftsleute aus der Nachbarschaft ihre Mittagspause – immer ein gutes Zeichen. Als dann noch die Chefin mit größter Selbstverständlichkeit einen Hund von beachtlichen Ausmaßen und entsprechendem Appetit adoptierte und aufpäppelte, der sich herrenlos die Bar als Schlafplatz ausgesucht hatte, war für uns die Sache endgültig klar. Von der Bar-Terrasse aus hatten wir einen guten Blick auf das wuselige Treiben im oberen Teil der Stadt und nicht zuletzt auf die Massen von Urlaubern, die mit ihren Rollkoffern und anderem  Gepäck vom Bahnhof im oberen Teil des Ortes zu den Fähren im Hafen oder umgekehrt eilten. Mehrmals am Tag werden von Quiberon aus die größte bretonische Insel Belle-Ile en Mer, und ihre wesentliche kleineren Nachbarinseln Houat und Hoedic angefahren.

Le Galopin im oberen Teil der Stadt  © Michael Kneffel

Le Galopin im oberen Teil der Stadt © Michael Kneffel

Direkt neben dem „Galopin“ warb ein Patissier, Chocolatier und Glacier mit seiner offiziellen Auszeichnung für die besten Macarons Frankreichs. Wir zogen diesem  schicken Laden allerdings die gegenüber gelegene, sehr bodenständige Bäckerei und Patisserie „3 Marches“ vor und wurden für diese Entscheidung durch sensationelle Torten und Kuchen belohnt. Wenn wir danach noch dazu in der Lage waren, sind wir zum Essen am liebsten in eines der Restaurants am Fischereihafen Port Maria gegangen. Wenige hundert Meter von der belebten Strandpromenade mit ihren rappelvollen Restaurants entfernt wird hier die eindeutig interessantere Küche geboten, zu Preisen, die im selben Maße abnehmen, wie man sich vom Strand entfernt. Relativ spät erst haben wir dann noch das „Tourbillon“ entdeckt, ein sehr stilsicher eingerichtetes Bistrot à Vin an der Place Hoche, etwa hundert Meter von der Strandpromenade entfernt.  Hier kehren vor allem Einheimische ein und genießen die schöne Weinauswahl und viele Kleinigkeiten zum Essen. Sardinen und Räucherfisch-Spezialitäten  aus  ortsansässigen Betrieben stehen immer auf der Karte, dazu kommen nicht selten Tagesgerichte mit Zutaten aus biologischem Anbau.

auch der Lieferwagen des Tourbillon hat Stil  © Michael Kneffel

auch der Lieferwagen des Tourbillon hat Stil © Michael Kneffel

In der Aufzählung unserer Lieblingsadressen in Quiberon darf das „Maison Bleue“ auf keinen Fall fehlen. Wie schon erwähnt, herrscht im Ort kein Mangel an Geschäften aller Preisklassen  mit typisch bretonischen Kleidungstücken, Lebensmitteln, Süßigkeiten und Mitbringseln. Das Angebot im blauen Haus am Fischereihafen bewegt sich allerdings auf einem anderen Niveau. Die Besitzerin Anne Padovani versteht sich als Bewahrerin des kulturellen Erbes ihres Landes und präsentiert  im  Verbund mit drei  anderen bretonischen Restauratorinnen eine geschmackvolle  Auswahl an  Gemälden, Keramiken, Skulpturen, Kleinmöbeln und Stoffen.

Quiberon ist ein sehr lebendiges Städtchen mit einem vielfältigen Angebot, in dem man wahrscheinlich auch noch weit außerhalb der Feriensaison alles vorfindet, was man für einen angenehmen Aufenthalt an der Küste benötigt. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt.